Amts­haf­tung bei amts­pflicht­wid­ri­ger Auf­he­bung einer Bau­ge­neh­mi­gung

Der Bun­des­ge­richts­hof muss­te in einem jetzt ver­öf­fent­lich­ten Urteil Stel­lung neh­men zur haf­tungs­recht­li­chen Zuord­nung eines Scha­dens, der dem Bau­herrn auf­grund der amts­pflicht­wid­ri­gen Auf­he­bung einer Bau­ge­neh­mi­gung dadurch ent­stan­den ist, dass der vom Bau­herrn beauf­trag­te Bau­un­ter­neh­mer von einem für die­sen Fall ein­ge­räum­ten Kün­di­gungs­recht Gebrauch gemacht und den ver­trag­lich zuge­sag­ten "pau­scha­len Scha­dens­er­satz" ver­langt hat. Nach dem Urteil des BGH ist durch den bei dem Bau­herrn ein­ge­tre­te­nen Ver­mö­gens­nach­teil in Form der Belas­tung mit der Ver­bind­lich­keit gegen­über dem Bau­un­ter­neh­mer ein Scha­den ent­stan­den, der vom Schutz­zweck der hier ver­letz­ten Amts­pflicht umfasst ist und des­we­gen im Wege des Amts­haf­tungs­an­spruchs vom beklag­ten Land­kreis ersetzt ver­langt wer­den kann.

Amts­haf­tung bei amts­pflicht­wid­ri­ger Auf­he­bung einer Bau­ge­neh­mi­gung

Der Schutz­zweck dient der inhalt­li­chen Bestim­mung und sach­li­chen Begren­zung der Amts­haf­tung. Der Ersatz­an­spruch hängt dem­entspre­chend davon ab, dass gera­de das im Ein­zel­fall berühr­te Inter­es­se nach dem Zweck und der recht­li­chen Bestim­mung des Amts­ge­schäfts geschützt wer­den soll­te 1. Dabei ist, soweit begüns­ti­gen­de Ver­wal­tungs­ak­te wie die Bau­ge­neh­mi­gung in Rede ste­hen, auf das Ver­trau­en abzu­stel­len, das die Maß­nah­me begrün­den soll 2.

Für die Bau­ge­neh­mi­gung hat der Senat aus­ge­führt, dass die zustän­di­ge Behör­de auf die Inter­es­sen des Bau­herrn Rück­sicht zu neh­men hat, als sie ihm nicht ohne aus­rei­chen­de recht­li­che Grund­la­ge deren Ertei­lung ver­wei­gern darf. Dar­über hin­aus fällt mit ihrer Ertei­lung das bis dahin bestehen­de Bau­ver­bot und der Bau­herr ist nun­mehr befugt, mit dem Bau­en ent­spre­chend der Geneh­mi­gung zu begin­nen. Es wird des­halb für ihn mit der Bau­ge­neh­mi­gung ein Ver­trau­ens­tat­be­stand geschaf­fen, dass er nun­mehr davon aus­ge­hen darf, dass der der Bau­ge­neh­mi­gung ent­spre­chen­den Durch­füh­rung sei­nes Bau­vor­ha­bens (öffentlich-)rechtliche Hin­der­nis­se nicht ent­ge­gen­ste­hen und er dem­entspre­chend wirt­schaft­lich dis­po­nie­ren kann 3. Zwar geht der Schutz­zweck der im Bau­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren wahr­zu­neh­men­den Pflicht nicht dahin, den Bau­herrn vor allen denk­ba­ren wirt­schaft­li­chen Nach­tei­len zu bewah­ren, die ihm bei der Ver­wirk­li­chung sei­nes Bau­vor­ha­bens erwach­sen kön­nen. Die Bau­ge­neh­mi­gung ist aber aus­rei­chen­de Ver­trau­ens­grund­la­ge für den Bau­herrn, unmit­tel­bar mit der Ver­wirk­li­chung des kon­kre­ten Bau­vor­ha­bens zu begin­nen und zu die­sem Zweck kon­kre­te Auf­wen­dun­gen für die Pla­nung und Durch­füh­rung des Vor­ha­bens zu täti­gen 4. Das gilt jeden­falls in den Gren­zen eines über­schau­ba­ren zeit­li­chen und sach­li­chen Zusam­men­hangs 5. Der Bau­herr hat es aber nicht in der Hand, durch eine beson­de­re Ver­trags­ge­stal­tung den Schutz­be­reich der Amts­pflich­ten der Bau­auf­sichts­be­hör­de ufer­los dahin zu erwei­tern, dass jedes belie­bi­ge Ver­mö­gens­in­ter­es­se dar­un­ter fällt 6.

Der Schutz­zweck der Amts­pflich­ten, eine erteil­te Bau­ge­neh­mi­gung nicht zu Unrecht zurück­zu­neh­men, kor­re­spon­diert dabei als belas­ten­der Ver­wal­tungs­akt mit der Reich­wei­te des Ver­trau­ens, den die zurück­ge­nom­me­ne Geneh­mi­gung für den Bau­herrn begrün­det hat.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben hat das Beru­fungs­ge­richt den Schutz­zweck der Amts­pflich­ten des beklag­ten Land­krei­ses zu eng gezo­gen. Der Umstand, dass die als Scha­den gel­tend gemach­te Belas­tung mit einer Ver­bind­lich­keit gegen­über einem Drit­ten ihre Grund­la­ge in einer von den dis­po­si­ti­ven Nor­men des Werk­ver­trags­rechts 7 abwei­chen­den Ver­ein­ba­rung fin­det, recht­fer­tigt es für sich allein nicht, sie nicht mehr als von der Ver­trau­ens­grund­la­ge der Bau­ge­neh­mi­gung umfasst anzu­se­hen. Der Schutz­zweck der Amts­pflich­ten der für die Ertei­lung und die Rück­nah­me einer Bau­ge­neh­mi­gung zustän­di­gen Behör­de ist nicht dar­auf begrenzt, dass nur sol­che Auf­wen­dun­gen zu berück­sich­ti­gen sind, die der Erfül­lung allein unmit­tel­bar aus dem Gesetz abzu­lei­ten­der For­de­run­gen gegen den Bau­herrn als Geschä­dig­ten die­nen. Hier­bei ist in den Blick zu neh­men, dass die Par­tei­en eines Schuld­ver­hält­nis­ses bis auf die Gren­zen zwin­gen­der Vor­schrif­ten in gro­ßem Umfang den bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen bei der Ver­trags­durch­füh­rung Rech­nung tra­gen kön­nen, in dem sie gera­de in Abwei­chung von der gesetz­li­chen Rege­lung Ansprü­che zwi­schen ihnen begrün­den oder aus­schlie­ßen. Des­halb ist aus­ge­hend von der Ver­trau­ens­grund­la­ge, die durch die spä­ter rechts­wid­rig auf­ge­ho­be­ne Bau­ge­neh­mi­gung begrün­det wur­de, in den Mit­tel­punkt zu rücken, ob die vom Geschä­dig­ten ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung unmit­tel­bar mit der Durch­füh­rung der beab­sich­tig­ten Bau­maß­nah­me ver­bun­den ist; ist dies zu beja­hen, so ist der zur Erfül­lung die­ser For­de­rung auf­ge­wen­de­te Betrag grund­sätz­lich ersatz­fä­hig. In Abgren­zung dazu sind ins­be­son­de­re sol­che For­de­run­gen aus Ver­ein­ba­run­gen nicht mehr vom Schutz­zweck der Amts­pflich­ten der Behör­de umfasst, die mit Blick auf die bezügllich des kon­kre­ten Bau­vor­ha­bens bestehen­de Inter­es­sen­la­ge der Ver­trags­part­ner nicht mehr nach­voll­zieh­bar sind, etwa weil sie der Kom­pen­sa­ti­on von Nach­tei­len die­nen, die bei ande­ren Bau­vor­ha­ben der Ver­trags­par­tei­en ent­stan­den sind. All­ge­mein kann gesagt wer­den, dass sich die scha­dens­er­satz­pflich­ti­ge Kör­per­schaft sol­che "scha­dens-ursäch­li­chen" Ver­trags­ab­spra­chen nicht ent­ge­gen­hal­ten las­sen muss, auf die sich ein wirt­schaft­lich den­ken­der Ver­trags­part­ner auch unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen der Gegen­sei­te nicht ein­las­sen wür­de. Eben­falls sind sol­che For­de­run­gen aus­ge­schlos­sen, die im Hin­blick auf eine – als mög­lich erkann­te – Amts­pflicht­ver­let­zung begrün­det wur­den, um für die­sen Fall eine mög­lichst hohe Scha­dens­er­satz­for­de­rung gel­tend machen zu kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Janu­ar 2009 – III ZR 197/​08

  1. BGHZ 125, 258, 269[]
  2. BGH, Urteil vom 24. Okto­ber 2002 – III ZR 259/​01NVwZ 2003, 376, 377[]
  3. BGHZ 60, 112, 116 f; 105, 52, 54 f; 109, 380, 394; 134, 268, 276 f; 144, 394, 396 f[]
  4. vgl. BGHZ 134, 268, 277; BGH, Urteil vom 5. Mai 1994 – III ZR 28/​93NJW 1994, 2087, 2091[]
  5. BGHZ 134 aaO[]
  6. BGHZ 125, 258, 269 f[]
  7. §§ 631 ff, ins­be­son­de­re §§ 642 ff BGB[]