Beru­fung oder nicht Beru­fung …

Wenn die gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an eine Beru­fungs­schrift oder eine Beru­fungs­be­grün­dung erfüllt sind, kommt die Deu­tung, dass der Schrift­satz nicht als zugleich ein­ge­leg­te Beru­fung oder Beru­fungs­be­grün­dung bestimmt war, nur dann in Betracht, wenn sich dies aus den Begleit­um­stän­den mit einer jeden ver­nünf­ti­gen Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Deut­lich­keit ergibt 1.

Beru­fung oder nicht Beru­fung …

Ein Schrift­satz, der alle for­mel­len Anfor­de­run­gen an ein Rechts­mit­tel oder eine Rechts­mit-tel­be­grün­dung erfüllt, ist regel­mä­ßig als wirk­sam ein­ge­leg­te Pro­zess­erklä­rung zu behan­deln ist. Eine Deu­tung dahin, dass er gleich­wohl nicht unbe­dingt als Rechts­mit­tel oder Rechts­mit­tel­be­grün­dung bestimmt ist, kommt nur in Betracht, wenn sich dies aus den Begleit­um­stän­den mit einer jeden ver­nünf­ti­gen Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Deut­lich­keit ergibt 2. Dabei ist im Zwei­fel zuguns­ten eines Rechts­mit­tel­füh­rers anzu­neh­men, dass er eher das Kos­ten­ri­si­ko einer ganz oder teil­wei­se erfolg­lo­sen Beru­fung auf sich nimmt als von vorn­her­ein zu ris­kie­ren, dass sei­ne Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wor­fen wird 3.

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erfüll­te der Schrift­satz der Klä­ge­rin sämt­li­che for­mel­len Anfor­de­run­gen an einen Beru­fungs­schrift­satz und eine Beru­fungs­be­grün­dung: Ent­spre­chend § 519 Abs. 2 ZPO wur­de das ange­foch­te­ne Urteil unter Anga­be des voll­stän­di­gen Rubrums kon­kret bezeich­net und es wur­de gegen die­ses Urteil "Beru­fung" ein­ge­legt. Der Schrift­satz ent­hält außer­dem einen Beru­fungs­an­trag und des­sen Begrün­dung (§ 520 Abs. 3 Ziff. 1 bis 4 ZPO). Schließ­lich ist er von dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin eigen­hän­dig unter­schrie­ben. Aller­dings lie­ßen sich der For­mu­lie­rung im Beru­fungs­schrift­satz, die Beru­fung wer­de "vor­be­halt­lich PKH-Bewil­li­gung für die II. Instanz" ein­ge­legt, Zwei­fel ent­neh­men, ob das Rechts­mit­tel schon mit Ein­gang beim Beru­fungs­ge­richt erho­ben und begrün­det wer­den soll­te, wobei dem Umstand, dass die­se For­mu­lie­rung vom übri­gen Text durch einen Absatz abge­trennt und fett gedruckt ist, beson­de­re Bedeu­tung zukam.

Unter Berück­sich­ti­gung der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten lässt sich der For­mu­lie­rung nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings kei­ne jeden ver­nünf­ti­gen Zwei­fel aus­schlie­ßen­de Deut­lich­keit für eine ledig­lich bedingt ein­ge­leg­te und somit unwirk­sa­me Beru­fung ent­neh­men. Denn der Schrift­satz ist als "Beru­fung" über­schrie­ben und auch dies ist im Schrift­bild her­vor­ge­ho­ben und fett gedruckt. Die Klä­ge­rin wird in dem Schrift­satz zugleich als Beru­fungs­klä­ge­rin bezeich­net und hat nach dem wei­te­ren Wort­laut des Schrift­sat­zes Beru­fung ein­ge­legt mit dem Antrag: "Die Beklag­te … unter Auf­he­bung des abwei­sen­den Teils des erst­in­stanz­li­chen Urteils" zu ver­ur­tei­len, an sie wei­te­re 900 € zu zah­len. Die­ser Antrag ist im Fol­gen­den bereits begrün­det, was für den ernst­li­chen Wil­len zur Durch­füh­rung der Beru­fung spricht. Schließ­lich deu­tet auch der Schluss­satz der Rechts­mit­tel­be­grün­dung, dem Pro­zess­kos­ten­an­trag "wie auch der Beru­fung" wer­de statt­zu­ge­ben sein, auf ein bereits unbe­dingt ein­ge­leg­tes Rechts­mit­tel hin. Zwar ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die wei­te­ren For­mu­lie­run­gen im Schrift­satz vom 11. Janu­ar 2010 sämt­lich von der vor­be­halt­li­chen PKH-Bewil­li­gung als Ober­satz erfasst und somit nur für den Fall der Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe auf­ge­stellt wor­den sind. Inso­weit ver­blei­ben aber Zwei­fel, zumal der Schrift­satz als "Beru­fung" über­schrie­ben ist.

Hin­zu kommt, dass das Land­ge­richt den Schrift­satz zunächst selbst als Beru­fung behan­delt und an den Beklag­ten­ver­tre­ter zuge­stellt hat. Schließ­lich hat das Beru­fungs­ge­richt nicht über einen Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe ent­schie­den, weil es der For­mu­lie­rung im Schrift­satz vom 11. Janu­ar 2010 offen­sicht­lich kei­nen sol­chen aus­drück­li­chen Antrag ent­nom­men hat. Ent­hält der am letz­ten Tag der Beru­fungs­frist ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz aller­dings kei­nen wirk­sa­men Antrag auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe, spricht dies zusätz­lich dafür, dass statt­des­sen das voll­stän­dig vor­lie­gen­de Rechts­mit­tel nebst Begrün­dung wirk­sam und somit unbe­dingt ein­ge­legt wer­den soll­te.

Weil der Schrift­satz vom 11. Janu­ar 2010 sämt­li­che for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen an eine Beru­fung und Beru­fungs­be­grün­dung ent­hal­ten hat und jeden­falls Zwei­fel ver­blei­ben, ob das Rechts­mit­tel ledig­lich bedingt ein­ge­legt und begrün­det wer­den soll­te, liegt ein unbe­dingt ein­ge­leg­tes und begrün­de­tes Rechts­mit­tel vor. Die Rechts­mit­tel­frist ist damit gewahrt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2010 – XII ZB 140/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 18.07.2007 – XII ZB 31/​07, Fam­RZ 2007, 1726; und vom 20.07.2005 – XII ZB 31/​05, Fam­RZ 2005, 1537[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 18.07.2007 – XII ZB 31/​07, Fam­RZ 2007, 1726, Rn. 10; vom 20.07.2005 – XII ZB 31/​05, Fam­RZ 2005, 1537; und vom 19.05.2004 – XII ZB 25/​04, Fam­RZ 2004, 1553, 1554[]
  3. BGH, Bschlüs­se vom 18.070.2007 – XII ZB 31/​07, Fam­RZ 2007, 1726, Rn. 10; und vom 05.03.2008 – XII ZB 182/​04, Fam­RZ 2008, 1063, Rn. 12[]