Beru­fungs­ein­le­gung per Tele­fax

Im Rah­men der von Amts wegen vor­zu­neh­men­den Prü­fung der Zuläs­sig­keit der Beru­fung hat der Beru­fungs­füh­rer den recht­zei­ti­gen Ein­gang der Beru­fungs­schrift zu bewei­sen 1. Die recht­zei­ti­ge Ein­le­gung der Beru­fung wird im Regel­fall durch den Ein­gangs­stem­pel des ange­gan­ge­nen Gerichts auf dem ent­spre­chen­den Schrift­satz nach­ge­wie­sen (§ 418 Abs. 1 ZPO).

Beru­fungs­ein­le­gung per Tele­fax

Der im Wege des Frei­be­wei­ses zu füh­ren­de Gegen­be­weis ist zuläs­sig (§ 418 Abs. 2 ZPO). Er erfor­dert mehr als blo­ße Glaub­haft­ma­chung (§ 294 ZPO). Not­wen­dig ist die vol­le Über­zeu­gung des Gerichts von dem recht­zei­ti­gen Ein­gang, wobei aller­dings die Anfor­de­run­gen an den Gegen­be­weis wegen der Beweis­not des Beru­fungs­füh­rers hin­sicht­lich gerichts­in­ter­ner Vor­gän­ge nicht über­spannt wer­den dür­fen 2.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war das Land­ge­richt Stutt­gart 3 in sei­nem Beschluss, mit dem es die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat, zu der Beur­tei­lung gelangt, dass der Beklag­ten der nach den obi­gen Grund­sät­zen zu füh­ren­de Gegen­be­weis durch die Vor­la­ge des Sen­de­be­richts, wonach die Beru­fungs­schrift am 5.12.2012 um 11.39 Uhr an das Beru­fungs­ge­richt, das Land­ge­richt Stutt­gart, gefaxt wor­den sei, nicht gelun­gen sei.

Dabei ist das Land­ge­richt Stutt­gart zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass ein Sen­de­be­richt nicht den Zugang des Tele­fax­schrei­bens beweist. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 4 begrün­det die durch einen "OK"Vermerk unter­leg­te ord­nungs­ge­mä­ße Absen­dung eines Schrei­bens per Tele­fax über ein blo­ßes Indiz hin­aus nicht den Anscheins­be­weis für des­sen tat­säch­li­chen Zugang bei dem Emp­fän­ger. Der "OK"Vermerk belegt nur das Zustan­de­kom­men der Ver­bin­dung, nicht aber die erfolg­rei­che Über­mitt­lung der Signa­le an das Emp­fangs­ge­rät 5.

Der Bun­des­ge­richts­hof rügt jedoch, dass das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Pflicht zur Auf­klä­rung der mit dem Ein­gang der Beru­fungs­schrift im Zusam­men­hang ste­hen­den gerichts­in­ter­nen Vor­gän­ge nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach­ge­kom­men ist:

Da der Außen­ste­hen­de in der Regel kei­nen Ein­blick in die gerichts­in­ter­nen Vor­gän­ge und damit kei­nen Anhalts­punkt für etwai­ge Feh­ler­quel­len hat, ist es zunächst Sache des Gerichts, die inso­weit zur Auf­klä­rung nöti­gen Maß­nah­men zu ergrei­fen 6. Davon aus­ge­hend hät­te sich das Beru­fungs­ge­richt unter den hier gege­be­nen Umstän­den nicht damit begnü­gen dür­fen, ledig­lich das Tele­fa­x­jour­nal des oben genann­ten Emp­fangs­ge­rä­tes des Beru­fungs­ge­richts her­an­zu­zie­hen. Eine wei­ter­ge­hen­de Auf­klä­rung der gerichts­in­ter­nen Vor­gän­ge lässt sich der Akte nicht ent­neh­men.

Ange­sichts der zeit­li­chen Nähe des im Tele­fa­x­jour­nal ver­zeich­ne­ten, vom Umfang her mit der Beru­fungs­schrift über­ein­stim­men­den Ein­gangs am 5.12.2012 um 11.28 Uhr hät­te das Beru­fungs­ge­richt zusätz­lich dienst­li­che Erklä­run­gen der damals mit der Bedie­nung die­ses Tele­fax­ge­räts befass­ten Bediens­te­ten des Beru­fungs­ge­richts ein­ho­len müs­sen.

Dar­über hin­aus hät­te der Auf­klä­rung bedurft, aus wel­chem Grund die Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts den Par­tei­ver­tre­tern zunächst einen recht­zei­ti­gen Tele­fa­xein­gang der Beru­fungs­schrift bestä­tigt hat. Anlass zur Ein­ho­lung einer dienst­li­chen Erklä­rung der hier­mit befass­ten Urkunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le bestand hier schon des­halb, weil es sich bei der zunächst erfolg­ten Bestä­ti­gung des Ein­gangs eines schließ­lich nicht bei der Akte befind­li­chen Tele­fa­xes um einen eher unge­wöhn­li­chen Vor­gang han­delt.

Erst nach Aus­schöp­fung die­ser nahe lie­gen­den inner­dienst­li­chen Erkennt­nis­quel­len, denen das Beru­fungs­ge­richt vor einer erneu­ten Ent­schei­dung nach­zu­ge­hen haben wird, kann beur­teilt wer­den, ob der Beklag­ten der (Gegen-) Beweis eines frü­he­ren als des durch den Ein­gangs­stem­pel bezeug­ten Ein­gangs der Beru­fungs­schrift gelun­gen ist.

Da nicht in der erfor­der­li­chen Wei­se fest­ge­stellt ist, ob die Beru­fungs­schrift recht­zei­tig bei Gericht ein­ge­gan­gen ist, kann die Ver­wer­fung der Beru­fung kei­nen Bestand haben. Ist sie recht­zei­tig ein­ge­gan­gen, war über den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung nicht zu ent­schei­den. Der ange­foch­te­ne Beschluss ist des­halb ins­ge­samt auf­zu­he­ben und der Rechts­streit an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO).

Soll­te das Beru­fungs­ge­richt nach wei­te­rer Auf­klä­rung erneut zu dem Ergeb­nis gelan­gen, dass der Beklag­ten der Nach­weis eines frist­ge­rech­ten Ein­gangs der Beru­fungs­schrift nicht gelun­gen sei, wird es bei der Prü­fung des für die­sen Fall gestell­ten Wie­der­ein­set­zungs­an­trags der Beklag­ten zu erwä­gen haben, ob nicht trotz der in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung ange­nom­me­nen unzu­rei­chen­den Dar­le­gung einer den Anfor­de­run­gen der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­spre­chen­den Aus­gangs­kon­trol­le ein Wie­der­ein­set­zungs­grund gege­ben sein könn­te, weil selbst eine unzu­rei­chen­de Aus­gangs­kon­trol­le hier letzt­lich nicht zu einer Ver­zö­ge­rung des Ein­gangs der Rechts­mit­tel­schrift geführt haben dürf­te 7. Denn die Beklag­te hat man­gels gegen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts glaub­haft gemacht, dass ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter die Beru­fungs­schrift frist­ge­recht und voll­stän­dig per Tele­fax an das Beru­fungs­ge­richt gesandt hat. Hier­an ändert ent­ge­gen der in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung anklin­gen­den Auf­fas­sung des Land­ge­richts Stutt­gart der Umstand nichts, dass hier­zu nicht die offi­zi­el­le Tele­fax­num­mer des Beru­fungs­ge­richts, son­dern offen­bar die­je­ni­ge der dor­ti­gen Regis­tra­tur ver­wen­det wor­den ist. Denn ent­schei­dend kommt es für die Ein­rei­chung einer Beru­fungs­schrift dar­auf an, dass sie frist­ge­recht in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Beru­fungs­ge­richts gelangt ist 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Okto­ber 2013 – VIII ZB 13/​13

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.12.1994 – VIII ZR 153/​93, NJW 1995, 665 unter II 3; vom 30.03.2000 – IX ZR 251/​99, NJW 2000, 1872 unter II 1 a; jeweils mwN[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 02.11.2006 – III ZR 10/​06, NJW 2007, 603 Rn. 5; vom 17.02.2012 – V ZR 254/​10, NJW-RR 2012, 701 Rn. 7; BGH, Beschlüs­se vom 15.09.2005 – III ZB 81/​04, NJW 2005, 3501 unter II; vom 03.07.2008 – IX ZB 169/​07, NJW 2008, 3501 Rn. 10 f.; jeweils mwN[]
  3. LG Stutt­gart, Beschluss vom 25.02.2012 – 4 S 335712[]
  4. vgl. bereits BGH, Urteil vom 07.12.1994 – VIII ZR 153/​93, aaO unter II 3 a und b[]
  5. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 21.07.2011 – IX ZR 148/​10; vom 14.05.2013 – III ZR 289/​12, NJW 2013, 2514 Rn. 11; jeweils mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 30.03.2000 – IX ZR 251/​99, aaO unter II 1 b; BGH, Beschlüs­se vom 03.07.2008 – IX ZB 169/​07, aaO Rn. 11 f.; vom 11.01.2011 – VIII ZB 44/​10, juris Rn. 10; jeweils mwN; vgl. auch BGH, Urteil vom 05.12.1980 – I ZR 51/​80, NJW 1981, 1673 unter II[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2007 – XII ZB 32/​07, NJW 2007, 2778 Rn. 10 f.[]
  8. BVerfGE 57, 117, 120 mwN; BGH, Beschlüs­se vom 12.02.1981 – VII ZB 27/​80, BGHZ 80, 62, 63; vom 13.10.1982 – IVb ZB 154/​82, NJW 1983, 123 unter II 2 a[]