Blan­kett­un­ter­schrift – und ihr Miß­brauch

Eine Pri­vat­ur­kun­de begrün­det nach § 416 ZPO vol­len Beweis dafür, dass die in der Urkun­de ent­hal­te­nen Erklä­run­gen von dem Aus­stel­ler abge­ge­ben wor­den sind1. Die­se Beweis­re­gel des $ 416 ZPO greift jedoch nur dann ein, wenn die vom Beweis­füh­rer bei­gebrach­te Urkun­de echt ist2. Echt im Sin­ne des § 416 ZPO ist eine Pri­vat­ur­kun­de, wenn die Unter­schrift dem Namens­trä­ger zuzu­ord­nen ist und die über der Unter­schrift ste­hen­de Schrift vom Aus­stel­ler selbst stammt oder mit des­sen Wil­len dort steht3.

Blan­kett­un­ter­schrift – und ihr Miß­brauch

Steht die Echt­heit der Unter­schrift fest, greift zuguns­ten der Par­tei, die sich auf die Urkun­de beruft, die Ver­mu­tung der Echt­heit auch der über der Unter­schrift ste­hen­den Schrift nach § 440 Abs. 2 ZPO ein4.

Ist der Text über der Unter­schrift von dem Aus­stel­ler weder geschrie­ben noch ver­fasst wor­den, erstreckt sich die­se Ver­mu­tung dar­auf, dass der Urkun­den­in­halt dem Wil­len des Unter­zeich­ners ent­spricht5.

Die Ver­mu­tung gilt auch bei Blan­ko­un­ter­schrif­ten und selbst bei Blan­kett­miss­bräu­chen durch ver­ein­ba­rungs­wid­ri­ge Ver­wen­dung von Unter­schrif­ten6.

ZPO ent­hält jedoch nicht – wie § 416 ZPO – eine die freie rich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung aus­schlie­ßen­de Beweis­re­gel, son­dern eine Beweis­last­an­ord­nung in Form einer wider­leg­ba­ren gesetz­li­chen Ver­mu­tung7. Gegen die Ver­mu­tung des § 440 Abs. 2 ZPO ist nach § 292 Abs. 2 Satz 1 ZPO der Beweis des Gegen­teils zuläs­sig8. Bei einem behaup­te­ten Blan­kett­miss­brauch hat aller­dings der Aus­stel­ler die nicht ver­ein­ba­rungs­ge­mä­ße Aus­fül­lung eines Blan­ketts zu bewei­sen9. Lebt der Aus­stel­ler – wie hier – nicht mehr, trifft die Beweis­last den Erben, gegen den aus einer Urkun­de mit der Unter­schrift des Erb­las­sers Rech­te gel­tend gemacht wer­den.

An den Beweis des Gegen­teils gegen eine gesetz­li­che Ver­mu­tung sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len. Der Beweis ist nicht schon dann geführt, wenn die Mög­lich­keit besteht, dass der Text der Urkun­de ohne den Wil­len des Aus­stel­lers nach­träg­lich über des­sen Unter­schrift gesetzt wor­den ist, die Ver­mu­tung also nur erschüt­tert ist. Die Ver­mu­tung der Echt­heit des Tex­tes über der Unter­schrift muss nach der Über­zeu­gung des Gerichts – die gemäß § 286 ZPO aller­dings auch aus den Gesamt­um­stän­den gewon­nen wer­den kann – wider­legt sein10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. März 2015 – V ZR 86/​14

  1. BGH, Urteil vom 11.05.1989 – III ZR 2/​88, NJW-RR 1989, 1323; Urteil vom 24.06.1993 – IX ZR 96/​92, NJW-RR 1993, 1379, 1380 []
  2. BGH, Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 274/​87, BGHZ 104, 172, 175; Urteil vom 08.03.2006 – IV ZR145/​05, NJW-RR 2006, 847 Rn. 18 []
  3. BGH, Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 247/​87, BGHZ 104, 172, 176 []
  4. BGH, Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 274/​87, BGHZ 104, 172, 176; Urteil vom 11.05.1989 – III ZR 2/​88, NJW-RR 1989, 1323; Urteil vom 08.03.2006 – IV ZR 145/​05, NJW-RR 2006, 847 Rn. 18 []
  5. BGH, Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 274/​87, aaO; Urteil vom 08.03.2006 – IV ZR 145/​05, aaO []
  6. BGH, Urteil vom 17.04.1986 – III ZR 215/​84, NJW 1986, 3086; Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 274/​87, BGHZ, 104, 172, 177; Urteil vom 08.03.2006 – IV ZR 145/​05, aaO Rn. 18 []
  7. vgl. Hk-ZPO/­Sa­en­ger, 6. Aufl., § 386 Rn. 59, 61; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 4. Aufl., § 286 Rn. 26; PG/​Laumen, ZPO, 6. Aufl., § 286 Rn. 18 []
  8. BGH, Urteil vom 17.04.1986 – III ZR 215/​84, NJW 1986, 3086; Urteil vom 08.03.2006 – IV ZR 145/​05, NJW-RR 2006, 847 Rn. 18 []
  9. BGH, Urteil vom 13.04.1988 – VIII ZR 274/​87, BGHZ 104, 172, 177; Urteil vom 11.05.1989 – III ZR 2/​88, NJW-RR 1989, 1323 []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 04.02.2002 – II ZR 37/​00, NJW 2002, 2101, 2102 [zur Ver­mu­tung aus § 1006 BGB] []