Der fin­gier­te Unfall und die beklag­te Ver­si­che­rung

Beim Ver­dacht einer Unfall­ma­ni­pu­la­ti­on darf der neben sei­nem Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­klag­te Haft­pflicht­ver­si­che­rer im Pro­zess sowohl als Streit­ge­nos­se als auch als Streit­hel­fer nach §§ 61, 69 ZPO sei­ne eige­nen Inter­es­sen wahr­neh­men.

Der fin­gier­te Unfall und die beklag­te Ver­si­che­rung

Nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung darf der im Wege des Direkt­an­spruchs mit­ver­klag­te Haft­pflicht­ver­si­che­rer (§ 115 Abs. 1 Nr. 1 VVG) sowohl mit einem vom Vor­brin­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers abwei­chen­den Sach­vor­trag die Unfall­ma­ni­pu­la­ti­on gel­tend machen als auch als des­sen Streit­hel­fer eine Kla­ge­ab­wei­sung der gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer gerich­te­ten Kla­ge bean­tra­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in Ver­fah­ren, die den Ersatz von Rechts­an­walts­kos­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers betra­fen, ent­schie­den, dass es dem Haft­pflicht­ver­si­che­rer in den Fäl­len der Unfall­ma­ni­pu­la­ti­on wegen des bestehen­den Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes zwi­schen dem Ver­si­che­rungs­neh­mer und dem Haft­pflicht­ver­si­che­rer nicht ver­wehrt wer­den kann, sich gegen die gegen ihn gerich­te­te Kla­ge umfas­send zu ver­tei­di­gen und zwar auch mit der Behaup­tung, das scha­dens­be­grün­den­de Ereig­nis sei nicht – wie vom Geschä­dig­ten behaup­tet – unfrei­wil­lig erlit­ten, son­dern von den angeb­lich Unfall­be­tei­lig­ten ein­ver­nehm­lich her­bei­ge­führt wor­den 1.

Bei der neben der Kla­ge gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer auch gegen den Haft­pflicht­ver­si­che­rer gerich­te­ten Direkt­kla­ge ergibt sich dies bereits dar­aus, dass es sich um ein­fa­che Streit­ge­nos­sen han­delt und die Hand­lun­gen des einen Streit­ge­nos­sen dem ande­ren weder zum Vor­teil noch zum Nach­teil gerei­chen dür­fen (§ 61 ZPO). Bei der Neben­in­ter­ven­ti­on des Haft­pflicht­ver­si­che­rers ergibt sich dies auch aus § 69 ZPO. Nach die­ser Vor­schrift gilt der Neben­in­ter­ve­ni­ent im Sin­ne des § 61 ZPO als Streit­ge­nos­se der Haupt­par­tei, inso­fern nach den Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rechts die Rechts­kraft der in dem Haupt­pro­zess erlas­se­nen Ent­schei­dung auf das Rechts­ver­hält­nis des Neben­in­ter­ve­ni­en­ten zu dem Geg­ner von Wirk­sam­keit ist. Inso­weit ist aner­kannt, dass ein streit­ge­nös­si­scher Neben­in­ter­ve­ni­ent nicht den Schran­ken des § 67 Halb­satz 2 ZPO unter­liegt, son­dern auch gegen den Wil­len der Haupt­par­tei ein Rechts­mit­tel durch­füh­ren kann. Das Gesetz räumt ihm mit Rück­sicht auf die stär­ke­re Ein­wir­kung des Urteils auf sei­ne recht­li­chen Belan­ge ein eige­nes Pro­zess­füh­rungs­recht ein, das unab­hän­gig von dem Wil­len der von ihm unter­stütz­ten Haupt­par­tei ist 2.

Die­se Grund­sät­ze sind auch im vor­lie­gen­den Fall anwend­bar. Ein rechts­kräf­ti­ges kla­ge­ab­wei­sen­des Urteil, das zwi­schen dem kla­gen­den Geschä­dig­ten und dem Ver­si­che­rer ergan­gen ist, wirkt nach § 3 Nr. 8 PflVG a.F., § 115 Abs. 1 Nr. 1 VVG auch zuguns­ten des beklag­ten Ver­si­che­rungs­neh­mers. Dies gilt auch dann, wenn der Direkt­an­spruch und der Haft­pflicht­an­spruch nicht in getrenn­ten, nach­ein­an­der geführ­ten Pro­zes­sen gel­tend gemacht, son­dern – wie im Streit­fall – Ver­si­che­rer und Schä­di­ger als ein­fa­che Streit­ge­nos­sen gemein­sam im sel­ben Rechts­streit in Anspruch genom­men wer­den. Zweck die­ser Regu­lie­rung ist es, dem Geschä­dig­ten kei­ne Ansprü­che gegen den Ver­si­che­rer über das mate­ri­el­le Haft­pflicht­recht hin­aus zuwach­sen zu las­sen. Ist in einem sol­chen Fall die Kla­ge­ab­wei­sung gegen einen Beklag­ten rechts­kräf­tig, ist auch gegen den ande­ren regel­mä­ßig nur noch eine Kla­ge­ab­wei­sung mög­lich. Der Haft­pflicht­ver­si­che­rer soll nicht Gefahr lau­fen, trotz des für ihn güns­ti­gen, die Kla­ge abwei­sen­den Urteils im Fal­le der Ver­ur­tei­lung sei­nes Ver­si­che­rungs­neh­mers auf­grund sei­ner Zah­lungs­pflicht aus dem Deckungs­ver­hält­nis doch noch in Anspruch genom­men zu wer­den 3. Gemäß dem Zweck des § 115 Abs. 1 Nr. 1 VVG, § 3 Nr. 8 PflVG a.F. darf der Haft­pflicht­ver­si­che­rer, der zusam­men mit sei­nem Ver­si­che­rungs­neh­mer in Anspruch genom­men wird, auch vor Rechts­kraft eines kla­ge­ab­wei­sen­den Urteils bereits im Pro­zess sei­ne eige­nen Inter­es­sen nach §§ 61, 69 ZPO wahr­neh­men.

Nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen durf­te die beklag­te Ver­si­che­rung nicht nur abwei­chend von ihrem beklag­ten Ver­si­che­rungs­neh­mer argu­men­tie­ren, son­dern auch als Streit­hel­fe­rin des beklag­ten Ver­si­che­rungs­neh­mers ihm gegen­über eine Kla­ge­ab­wei­sung bean­tra­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2011 – VI ZR 201/​10

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 06.06.2010 – VI ZB 31/​08, VersR 2010, 1472 Rn. 9 f.; BGH, Urteil vom 15.09.2010 – IV ZR 107/​09, VersR 2010, 1590 Rn. 13 ff.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.10.1984 – IVb ZB 23/​84, BGHZ 92, 275, 276 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 15.01.2008 – VI ZR 131/​07, VersR 2008, 485 Rn. 6 f. mwN[]