Der an das fal­sche Gericht adres­sier­te Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag

Den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten trifft ein sei­ner Par­tei gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den an der feh­ler­haf­ten Adres­sie­rung des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags.

Der an das fal­sche Gericht adres­sier­te Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag

Er hät­te bei Unter­zeich­nung des Schrift­sat­zes – unge­ach­tet des Feh­lers sei­ner Kanz­lei­an­ge­stell­ten bei des­sen Vor­be­rei­tung – bemer­ken kön­nen und müs­sen, dass die­ser nicht an das Beru­fungs­ge­richt gerich­tet war. Die auf einer sol­chen fal­schen Adres­sie­rung beru­hen­de Ver­zö­ge­rung des Ein­gangs beim zustän­di­gen Gericht hat er selbst zu ver­tre­ten 1.

Aller­dings wirkt sich ein etwai­ges Ver­schul­den der Par­tei oder ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dann nicht auf die Frist­ver­säu­mung aus, wenn die frist­ge­rech­te Wei­ter­lei­tung eines bei einem unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­reich­ten frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes an das Rechts­mit­tel­ge­richt im ordent­li­chen Geschäfts­gang ohne wei­te­res erwar­tet wer­den kann. Geht der Schrift­satz gleich­wohl nicht frist­ge­recht beim Rechts­mit­tel­ge­richt ein, muss Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand unab­hän­gig davon gewährt wer­den, auf wel­chen Grün­den die feh­ler­haf­te Ein­rei­chung beruht 2.

So lag der Fall im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall aber nicht:

Das Land­ge­richt war nicht ver­pflich­tet, bei der Wei­ter­lei­tung des Schrift­sat­zes Maß­nah­men zur beson­de­ren Beschleu­ni­gung zu ergrei­fen, auch nicht im Hin­blick auf das bevor­ste­hen­de Wochen­en­de. Andern­falls wür­de den Par­tei­en und ihren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten die Ver­ant­wor­tung für die Ein­hal­tung der For­ma­li­en abge­nom­men und den unzu­stän­di­gen Gerich­ten über­tra­gen. Damit wür­den die Anfor­de­run­gen an die aus dem Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren abge­lei­te­te rich­ter­li­che Für­sor­ge­pflicht über­spannt wer­den 3. Ein unzu­stän­di­ges Gericht ist nur ver­pflich­tet, bei ihm ein­ge­reich­te frist­ge­bun­de­ne Schrift­sät­ze für ein Rechts­mit­tel­ver­fah­ren im ordent­li­chen Geschäfts­gang an das zustän­di­ge Rechts­mit­tel­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten 4.

Auch ergibt sich eine wei­ter­ge­hen­de Pflicht zur beschleu­nig­ten Bear­bei­tung und Wei­ter­lei­tung des ein­ge­gan­ge­nen Schrift­sat­zes im Streit­fall auch nicht dar­aus, dass das Datum des Frist­ab­laufs in dem Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag mit­ge­teilt war. Die­ses Datum des Frist­ab­laufs war hier in dem ein­ge­rück­ten Antrag ohne beson­de­re Her­vor­he­bung genannt; durch Fett­druck her­vor­ge­ho­ben war ledig­lich das Datum, bis zu dem die ver­län­ger­te Frist gewährt wer­den soll­te. Auch war der Schrift­satz nicht als beson­ders eil­be­dürf­tig gekenn­zeich­net. Es kann des­halb wei­ter offen blei­ben, ob ins­be­son­de­re die Post­an­nah­me­stel­le sowie die Geschäfts­stel­le der Kam­mer beim Land­ge­richt bei einer sol­chen beson­de­ren Kenn­zeich­nung zu einer beschleu­nig­ten Wei­ter­lei­tung bzw. Vor­la­ge an den Rich­ter gehal­ten wären 5.

Maß­geb­lich ist somit allein, ob mit einem recht­zei­ti­gen Ein­gang des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags beim Beru­fungs­ge­richt im Rah­men eines ord­nungs­ge­mä­ßen Geschäfts­gangs gerech­net wer­den konn­te.

Danach kann zunächst nicht erwar­tet wer­den, dass ein­ge­hen­de Tele­fax­schrei­ben umge­hend auf die zutref­fen­de Adres­sie­rung über­prüft und gege­be­nen­falls sofort an das zustän­di­ge Gericht wei­ter­ge­lei­tet wer­den, so dass sie dort noch am sel­ben Tag ein­ge­hen, selbst wenn sich das Beru­fungs­ge­richt wie im Streit­fall im sel­ben Gebäu­de­kom­plex befin­det wie das erst­in­stanz­li­che Gericht, bei dem der Schrift­satz ein­ge­gan­gen ist 6.

Bereits geklärt ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dar­über hin­aus aber auch, dass im Rah­men eines ordent­li­chen Geschäfts­gangs mit einem Ein­gang des Schrift­sat­zes auf der Geschäfts­stel­le der zustän­di­gen Kam­mer unter Umstän­den erst am Tage nach dem Ein­gang bei der gemein­sa­men Brief­an­nah­me­stel­le zu rech­nen ist, die Akte dem zustän­di­gen Rich­ter jeden­falls erst am fol­gen­den Werk­tag vor­ge­legt wird und die Bear­bei­tung sei­ner Ver­fü­gung durch die Geschäfts­stel­le erst am dar­auf fol­gen­den Tag zu erwar­ten ist 7.

Nach die­sen Maß­stä­ben konn­te die Beklag­te im Streit­fall des­halb nicht dar­auf ver­trau­en, dass der am Frei­tag­nach­mit­tag gestell­te Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag noch am Mon­tag das zustän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt erreicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Febru­ar 2018 – IV ZB 18/​17

  1. vgl. auch BVerfG NJW 2005, 2137 unter – II 2 c[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 – IV ZB 2/​12, NJW-RR 2012, 1461 Rn. 13; BGH, Beschluss vom 27.07.2016 – XII ZB 203/​15, NJW-RR 2016, 1340 Rn. 12; jeweils m.w.N.[]
  3. BGH, Beschluss vom 06.11.2008 – IX ZB 208/​06, NJW-RR 2009, 408 Rn. 8 m.w.N.[]
  4. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 aaO Rn. 13 m.w.N.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 06.11.2008 – IX ZB 208/​06, NJW-RR 2009, 408 Rn. 8[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 – IV ZB 2/​12, NJW-RR 2012, 1461 Rn. 14[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 12.05.2016 – IX ZB 75/​15 14; und vom 29.08.2017 – VI ZB 49/​16, NJW-RR 2018, 56 Rn. 15[]