Die Kla­ge beim unzu­stän­di­gen Gericht – und die ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung

Hat der Klä­ger ein unzu­stän­di­ges Gericht ange­ru­fen und erklärt er nach Beglei­chung der Kla­ge­for­de­rung die Haupt­sa­che ein­sei­tig für erle­digt, so setzt die Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che vor­aus, dass der Klä­ger zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses bereits einen zuläs­si­gen und begrün­de­ten Antrag auf Ver­wei­sung des Rechts­streits an das zustän­di­ge Gericht gestellt hat. Wird die Ver­wei­sung erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt bean­tragt, so ist die Fest­stel­lungs­kla­ge hin­ge­gen als unbe­grün­det abzu­wei­sen [1].

Die Kla­ge beim unzu­stän­di­gen Gericht – und die ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung

Die nun­mehr auf Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che gerich­te­te Kla­ge hat Erfolg, wenn die ursprüng­li­che Kla­ge im Zeit­punkt des nach ihrer Zustel­lung ein­ge­tre­te­nen erle­di­gen­den Ereig­nis­ses zuläs­sig und begrün­det war und durch die­ses Ereig­nis unzu­läs­sig oder unbe­grün­det gewor­den ist [2].

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt indes nicht die Mei­nung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart [3], dass es der Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che nicht ent­ge­gen­ste­he, wenn die Kla­ge zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses beim unzu­stän­di­gen Gericht anhän­gig ist und ein Ver­wei­sungs­an­trag erst danach ange­bracht wird. Er schließt sich unter Modi­fi­zie­rung sei­nes im Beschluss vom 28.02.2019 [4] ein­ge­nom­me­nen Stand­punkts nun­mehr der im Beschluss des XII. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 22.05.2019 [5] dar­ge­leg­ten Auf­fas­sung an, wonach bei Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses die Erle­di­gung der Haupt­sa­che nur dann fest­ge­stellt wer­den kann, wenn der Klä­ger zuvor bereits einen zuläs­si­gen und begrün­de­ten Antrag auf Ver­wei­sung des Rechts­streits an das zustän­di­ge Gericht gestellt hat. Ist letz­te­res nicht der Fall, wird die Ver­wei­sung also erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt bean­tragt, so ist die Kla­ge auf Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che hin­ge­gen als unbe­grün­det abzu­wei­sen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hebt zwar zutref­fend her­vor, dass der Man­gel der feh­len­den Zustän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts abge­se­hen von den Fäl­len sei­ner Über­win­dung durch eine rüge­lo­se Ein­las­sung der beklag­ten Par­tei (§§ 39, 40 Abs. 2 Satz 2 ZPO) durch eine auf Antrag aus­zu­spre­chen­de Ver­wei­sung beho­ben und auf die­se Wei­se unschwer „abge­streift“ wer­den kann (§ 281 Abs. 1 Satz 1 ZPO) [6]. Das Ver­fah­ren soll nicht an einer Zustän­dig­keits­vor­schrift schei­tern, wenn es vor einem ande­ren Gericht durch­ge­führt wer­den kann. Dies dient dem Gebot der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit [7]. Dem­entspre­chend führt die beim unzu­stän­di­gen Gericht erho­be­ne Kla­ge die Rechts­hän­gig­keit des Kla­ge­an­spruchs mit sämt­li­chen dar­an geknüpf­ten Fol­gen her­bei [8]. Die Kla­ge­er­he­bung vor einem unzu­stän­di­gen Gericht ist wegen der Mög­lich­keit der bin­den­den Ver­wei­sung an das zustän­di­ge Gericht mit­hin durch­aus geeig­net, eine kla­ge­statt­ge­ben­de Sach­ent­schei­dung zu bewir­ken, und hat nach der Ver­wei­sung an das zustän­di­ge Gericht für den Klä­ger nur inso­weit nach­tei­li­ge Fol­gen, als er auch im Fal­le sei­nes Obsie­gens gemäß § 281 Abs. 3 Satz 2 ZPO die Mehr­kos­ten tra­gen muss [9].

Ande­rer­seits ist dem Grund­satz Rech­nung zu tra­gen, dass die Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che die Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit der ursprüng­li­chen Kla­ge zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses vor­aus­setzt; den Man­gel der Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts von die­sem Grund­satz aus­zu­neh­men, ist nicht sach­ge­recht [10]. Eine Rei­he von ande­ren Zuläs­sig­keits­so­wie von Begründ­etheits­män­geln kann näm­lich eben­falls unschwer durch spä­te­res Pro­zess­ver­hal­ten des Klä­gers beho­ben wer­den, mit der Fol­ge, dass der Kla­ge sodann bei regel­mä­ßig vol­ler Kos­ten­be­las­tung der Beklag­ten­sei­te statt­zu­ge­ben wäre. Dem­ge­gen­über ist die Anru­fung des unzu­stän­di­gen Gerichts für den Klä­ger gemäß § 281 Abs. 3 Satz 2 ZPO stets mit der Belas­tung der hier­durch ver­ur­sach­ten Mehr­kos­ten ver­bun­den. Eine Pri­vi­le­gie­rung des Zustän­dig­keits­man­gels im Ver­hält­nis zu ande­ren Zuläs­sig­keitsoder Begründ­etheits­män­geln über­zeugt vor die­sem Hin­ter­grund nicht. Für die­se ande­ren Män­gel, etwa die feh­len­de Bestimmt­heit des Kla­ge­an­trags (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO) oder die feh­len­de Anga­be einer zustel­lungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers, ist es indes aner­kannt, dass die­se zur Abwei­sung der Kla­ge auf Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che füh­ren, wenn sie zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses noch fort­be­stan­den haben [11].

Der Miss­erfolg der Kla­ge auf Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che bei Anru­fung eines unzu­stän­di­gen Gerichts fin­det sei­ne inne­re Recht­fer­ti­gung dar­in, dass die­ser Man­gel allein in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Klä­gers fällt [12]. Ein mate­ri­ell­recht­li­cher Anspruch des Klä­gers gegen den Beklag­ten auf Erstat­tung der Pro­zess­kos­ten [13] wird dem­entspre­chend in sol­chen Fäl­len regel­mä­ßig nicht begrün­det sein [14]. Den schutz­wür­di­gen Belan­gen des Klä­gers wird hin­läng­lich dadurch Rech­nung getra­gen, dass es aus­reicht, wenn die­ser vor dem Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses einen zuläs­si­gen und begrün­de­ten Antrag auf Ver­wei­sung des Rechts­streits an das zustän­di­ge Gericht gestellt hat. Sol­chen­falls hat der Klä­ger näm­lich bereits vor dem Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses alles in sei­ner Rechts­macht Ste­hen­de zur Besei­ti­gung des Zustän­dig­keits­man­gels unter­nom­men, und es liegt nun­mehr allein noch bei dem (unzu­stän­di­gen) Gericht, der gesetz­li­chen Pflicht zur Ver­wei­sung des Rechts­streits an das zustän­di­ge Gericht nach­zu­kom­men; wann die Ver­wei­sung geschieht, steht nicht im Ein­fluss­be­reich des Klä­gers und kann ihm folg­lich auch nicht zum Nach­teil ange­rech­net wer­den [15].

Hier­nach hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart im Ergeb­nis zu Recht die Erle­di­gung der Haupt­sa­che fest­ge­stellt, soweit es um die Zins­for­de­rung und die vor­ge­richt­li­chen Anwalts­kos­ten geht. Zum Zeit­punkt der Beglei­chung der Zin­sen hat­te die Klä­ge­rin bereits einen zuläs­si­gen und begrün­de­ten Antrag auf Ver­wei­sung des Rechts­streits an das zustän­di­ge Land­ge­richt gestellt, und zum Zeit­punkt der Bezah­lung der Anwalts­kos­ten war der Rechts­streit schon dort anhän­gig gewor­den. Inso­weit ist die Revi­si­on der Beklag­ten unbe­grün­det und zurück­zu­wei­sen.

Hin­sicht­lich der Fest­stel­lung der Erle­di­gung der Haupt­for­de­rung von 1.100 € ist das Beru­fungs­ur­teil hin­ge­gen auf­zu­he­ben (§ 562 Abs. 1 ZPO) und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO), weil der Rechts­streit inso­weit nicht zur End­ent­schei­dung reif ist (§ 563 Abs. 3 ZPO). Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat näm­lich von sei­nem Rechts­stand­punkt aus fol­ge­rich­tig nicht fest­ge­stellt, ob der Ver­wei­sungs­an­trag der Klä­ge­rin zum Zeit­punkt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses (hier: der Erfül­lung der Haupt­for­de­rung) bereits gestellt wor­den war oder erst danach ein­ge­gan­gen ist. Eine eige­ne Fest­stel­lung hier­zu ist dem Bun­des­ge­richts­hof gemäß § 559 Abs. 1 ZPO ver­sagt.

Bei den noch zu tref­fen­den Fest­stel­lun­gen wird das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart zu beach­ten haben, dass es für den Ein­tritt der Erfül­lungs­wir­kung in Bezug auf die Haupt­for­de­rung dar­auf ankommt, wann genau die Gut­schrift auf dem Kon­to der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin erfolgt ist, und zwar in der Wei­se, dass die Bank die Daten der Gut­schrift zur vor­be­halt­lo­sen Bekannt­ga­be an den Emp­fän­ger bereit­ge­stellt hat [16], und ob die vor­in­stanz­li­chen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin zum Emp­fang der Zah­lung ermäch­tigt waren (§ 362 Abs. 2, § 185 BGB).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Novem­ber 2019 – III ZR 16/​18

  1. Anschluss an BGH [XII. Zivil­se­nat], Beschluss vom 22.05.2019 – III ZR 16/​18, NJW 2019, 2544[]
  2. st. Rspr.; s. z.B. BGH, Urtei­le vom 01.06.2017 – VII ZR 277/​15, NJW 2017, 3521, 3522 Rn. 30; und vom 22.02.2018 – IX ZR 83/​17, VersR 2018, 959 Rn. 7 jew. mwN[]
  3. OLG Stutt­gart, Urteil vom 20.12.2017 4 U 143/​17[]
  4. BGH, Beschluss vom 28.02.2019 – III ZR 16/​18, Beck­RS 2019, 3689[]
  5. BGH, Beschluss vom 22.05.2019 – III ZR 16/​18, NJW 2019, 2544[]
  6. s. BGH, Urteil vom 21.09.1961 – III ZR 120/​60, BGHZ 35, 374, 377[]
  7. vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 23.03.1988 IVb ARZ 8/​88, FamRZ 1988, 943[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.09.1961 aaO; und vom 20.02.1986 – III ZR 232/​84, NJW 1986, 2255, 2257[]
  9. BGH, Urteil vom 17.04.1984 – IX ZR 153/​83, NJW 1984, 1901, inso­weit in BGHZ 91, 126 nicht mit abge­druckt; s. auch BGH, Beschluss vom 18.03.2010 – I ZB 37/​09, GRUR 2010, 1037, 1038 Rn. 15[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 22.05.2019 aaO S. 2545 Rn. 10 f; so auch Schä­fer, NJW 2019, 2547 und BeckOK/​ZPOJaspersen, § 91a Rn. 56a [Stand: 1.09.2019][]
  11. s. BGH, Urtei­le vom 11.11.1990 – I ZR 35/​89, NJW 1991, 1114, 1116 [unbe­stimm­ter Kla­ge­an­trag]; und vom 28.06.2018 – I ZR 257/​16, NJW-RR 2019, 61 f Rn. 11 f, 20 f [feh­len­de ladungs­fä­hi­ge Anschrift des Klä­gers]; s. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 22.05.2019 aaO Rn. 7[]
  12. BGH, Beschluss vom 22.05.2019 aaO S. 2546 Rn. 16; Schä­fer aaO[]
  13. s. hier­zu Voss­ler, NJW 2002, 2373, 2374 Fn. 13 und Ass­mann in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 281 Rn. 50[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 22.05.2019 aaO Rn.20 mwN[]
  15. s. BGH, Beschluss vom 22.05.2019 aaO Rn. 22; s. auch Schä­fer aaO; Jas­per­sen aaO[]
  16. vgl. BGH, Urteil vom 15.03.2005 – – XI ZR 338/​03, NJW 2005, 1771 mwN; Palandt/​Grüneberg, BGB, 78. Aufl., § 362 Rn. 10[]