Die nicht unter­schrie­be­ne Berufungsbegründung

Ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten steht einer Wie­der­ein­set­zung aus­nahms­wei­se dann nicht ent­ge­gen, wenn im Rah­men der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on durch eine all­ge­mei­ne Arbeits­an­wei­sung (hier: Kon­trol­le der Unter­zeich­nung aus­ge­hen­der Schrift­sät­ze vor deren Absen­dung) Vor­sor­ge dafür getrof­fen wur­de, dass bei nor­ma­lem Ver­lauf der Din­ge die Frist – trotz des Ver­se­hens des Rechts­an­walts – mit Sicher­heit gewahrt wor­den wäre1. Ver­sagt die­se Kon­trol­le, ist ein Rück­griff auf ein Anwalts­ver­se­hen im Zusam­men­hang mit der Unter­zeich­nung aus­ge­schlos­sen2.

Die nicht unter­schrie­be­ne Berufungsbegründung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die Wie­der­ein­set­zung des Beklag­ten in die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist abge­lehnt3 und die Beru­fung wegen der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist verworfen:

Der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand sei, so das OLG Mün­chen, unbe­grün­det, weil die Beklag­te nicht ohne ein ihr zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten an der Ein­hal­tung der ver­säum­ten Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gehin­dert gewe­sen sei (§ 233 Satz 1, § 85 Abs. 2 ZPO). Die Beklag­te habe vor­ge­tra­gen, die Hand­ak­te sei dem anwalt­li­chen Ver­tre­ter am 16.10.2019 vor­ge­legt wor­den, die­ser habe am sel­ben Tag die Beru­fungs­be­grün­dung gefer­tigt und dem kanz­lei­in­ter­nen Schreib­bü­ro zum Aus­fer­ti­gen wei­ter­ge­ge­ben. Die Mit­ar­bei­te­rin des Schreib­bü­ros habe den Schrift­satz nach der Aus­fer­ti­gung aus nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den in den Post­aus­gang gelegt, ohne ihn dem Rechts­an­walt vor­ge­legt zu haben. Bei der Bear­bei­tung des Post­aus­gangs habe die bis dahin stets zuver­läs­si­ge Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te R. wei­sungs­wid­rig über­se­hen, die Begrün­dungs­schrift auf die Anbrin­gung der Unter­schrift zu kontrollieren.

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Auf die­ser Grund­la­ge sei von einer Mit­ur­säch­lich­keit des Anwalts­ver­schul­dens für die Frist­ver­säu­mung aus­zu­ge­hen. In der Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags müs­se auch ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den aus­ge­schlos­sen wer­den. Der Rechts­an­walt müs­se geeig­ne­te Maß­nah­men zur Über­wa­chung tref­fen, ob fris­t­wah­ren­de Schrift­sät­ze im Ori­gi­nal unter­zeich­net wer­den. Die­se Kon­trol­le dür­fe einer Büro­kraft über­tra­gen wer­den, sofern der Rechts­an­walt durch all­ge­mei­ne Anwei­sun­gen sicher­ge­stellt habe, dass Frist­ver­säum­nis­se wegen feh­len­der Unter­schrift mit Sicher­heit ver­mie­den wür­den. Die Beklag­te habe zwar eine ent­spre­chen­de Wei­sung ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten glaub­haft gemacht. Die Fehl­leis­tung der Mit­ar­bei­te­rin R. habe sich jedoch nicht allein kau­sal auf die Frist­ver­säum­nis aus­ge­wirkt. Denn der ers­te Feh­ler in dem Büro­ab­lauf sei dar­in zu sehen, dass eine Mit­ar­bei­te­rin des Schreib­bü­ros den Schrift­satz in den Post­aus­gang gelegt habe, anstatt ihn dem anwalt­li­chen Ver­tre­ter zur Unter­schrift vor­zu­le­gen. Inso­weit feh­le es an einem Vor­trag der Beklag­ten, durch wel­che Maß­nah­men der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on sicher­ge­stellt wer­de, dass der­ar­ti­ge Ver­säum­nis­se ver­hin­dert wür­den. Bei nor­ma­lem Lauf der Din­ge wäre der Schrift­satz dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zur Unter­schrift vor­ge­legt wor­den, so dass sich das Fehl­ver­hal­ten der Mit­ar­bei­te­rin R. nicht aus­ge­wirkt hät­te. Es sei damit von einer Ursäch­lich­keit des Orga­ni­sa­ti­ons­feh­lers aus­zu­ge­hen, wel­cher der Par­tei zuge­rech­net wer­de. Die Beru­fung erwei­se sich daher wegen der Ver­säu­mung der Frist zur Beru­fungs­be­grün­dung als unzu­läs­sig und sei gemäß § 522 Abs. 1 ZPO zu verwerfen.

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Die­se Ent­schei­dung hielt recht­li­cher Nach­prü­fung durch den Bun­des­ge­richts­hof nicht stand:

Das Beru­fungs­ge­richt hat aller­dings zutref­fend ange­nom­men, dass Wie­der­ein­set­zung nur gewährt wer­den kann, wenn jedes ursäch­li­che (Mit-)Verschulden der Par­tei oder ihres Anwalts aus­ge­räumt wird. Zutref­fend ist es auch davon aus­ge­gan­gen, dass nach dem Vor­trag der Beklag­ten ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, soweit die Mit­ar­bei­te­rin des Schreib­bü­ros die nicht unter­schrie­be­ne Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift in den Post­aus­gang gelegt hat.

Jedoch steht ein sol­ches Ver­schul­den einer Wie­der­ein­set­zung aus­nahms­wei­se dann nicht ent­ge­gen, wenn im Rah­men der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on durch eine all­ge­mei­ne Arbeits­an­wei­sung (hier: Kon­trol­le der Unter­zeich­nung aus­ge­hen­der Schrift­sät­ze vor deren Absen­dung) Vor­sor­ge dafür getrof­fen wur­de, dass bei nor­ma­lem Ver­lauf der Din­ge die Frist – trotz des Ver­se­hens des Rechts­an­walts – mit Sicher­heit gewahrt wor­den wäre4. Da die Unter­schrif­ten­kon­trol­le, die der Rechts­an­walt zuver­läs­si­gen Büro­kräf­ten über­las­sen darf5, gera­de der Ver­mei­dung eines erfah­rungs­ge­mäß nicht gänz­lich aus­schließ­ba­ren Anwalts­ver­se­hens bei der Unter­schrifts­leis­tung dient, ist bei einem Ver­sa­gen die­ser Kon­trol­le ein Rück­griff auf ein Anwalts­ver­se­hen im Zusam­men­hang mit der Unter­zeich­nung aus­ge­schlos­sen6.

Dass eine sol­che aus­rei­chen­de Unter­schrif­ten­kon­trol­le im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten besteht, hat die­se – nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts – glaub­haft gemacht. Dass die Beklag­te nicht dar­le­gen konn­te, wie es zu der feh­ler­haf­ten Ein­la­ge der nicht unter­schrie­be­nen Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift in die Post­aus­la­ge gekom­men ist, ist daher uner­heb­lich. Denn es macht kei­nen Unter­schied aus, ob der Rechts­an­walt den Schrift­satz nicht unter­zeich­net hat oder durch einen sons­ti­gen Feh­ler ein nicht unter­zeich­ne­tes Schrift­stück auf den Weg gebracht wor­den ist7. Ein der Beklag­ten gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des, für die Frist­ver­säum­nis ursäch­li­ches Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kann daher nicht ange­nom­men werden.

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Etwas ande­res gilt auch nicht des­halb, weil die Beklag­te nicht dar­ge­legt hat, wie der unter­schrie­be­ne Schrift­satz am 18.10.2019 zur Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts gelangt ist. Das Beru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die­ser auf den Hin­weis der Geschäfts­stel­le an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten über­sandt wor­den ist. Selbst wenn die­ser Schrift­satz – wie die Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung es für mög­lich erach­tet – bereits vor Ablauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist unter­zeich­net wor­den sein soll­te, stün­de dies einer Wie­der­ein­set­zung nicht ent­ge­gen, denn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te durf­te sich – wie dar­ge­legt – zur Abhil­fe in Bezug auf vor­ge­la­ger­te Feh­ler im Arbeits­ab­lauf auf die Post­aus­gangs­kon­trol­le durch die Mit­ar­bei­te­rin R. ver­las­sen, durch die auch ein etwai­ger Feh­ler inso­weit auf­ge­deckt wor­den wäre.

Danach konn­te der ange­foch­te­ne Beschluss des Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen kei­nen Bestand haben. Hin­sicht­lich des Antra­ges auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand konn­te der Bun­des­ge­richts­hof nach § 577 Abs. 5 ZPO in der Sache selbst ent­schei­den. Die Vor­aus­set­zun­gen für die bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung lagen vor. Im Übri­gen war die Sache zur Ver­hand­lung und Ent­schei­dung gemäß § 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO an das Beru­fungs­ge­richt zurückzuverweisen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Janu­ar 2021 – III ZB 86/​19

  1. Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 12.12.1984 – IVb ZB 103/​84 , NJW 1985, 1226; und vom 15.02.2006 – XII ZB 215/​05, NJW 2006, 1205 Rn. 8 f[]
  2. Anschluss an BGH, Urteil vom 06.12.1995 – VIII ZR 12/​95, NJW 1996, 998, 999 und Beschluss vom 15.07.2014 – VI ZB 15/​14, NJW 2014, 2961 Rn. 9 mwN[]
  3. OLG Mün­chen, Beschluss vom 04.11.2019 – 32 U 4671/​19[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.12.1984 – IVb ZB 103/​84 , NJW 1985, 1226; und vom 15.02.2006 – XII ZB 215/​05, NJW 2006, 1205 Rn. 8 f[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 01.06.2006 – III ZB 134/​05, NJW 2006, 2414 Rn. 5; BGH, Beschlüs­se vom 23.11.1988 – VIII ZB 31/​88, NJW 1989, 589, 590; und vom 15.07.2014 – VI ZB 15/​14, NJW 2014, 2961 Rn. 9 mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 06.12.1995 – VIII ZR 12/​95, NJW 1996, 998, 999 und Beschluss vom 15.07.2014 aaO; vgl. auch BVerfG NJW 1996, 309 f[]
  7. vgl. BGH aaO[]

Bild­nach­weis:

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