Die Pflicht des Anwalts zur eigenständigen Prüfung des Fristablaufs

Der Rechtsanwalt hat selbständig und eigenverantwortlich zu prüfen, ob ein Fristende richtig ermittelt und eingetragen wurde, wenn ihm die Sache im Zusammenhang mit einer fristgebundenen Prozesshandlung, insbesondere zu deren Bearbeitung, vorgelegt wird. Dies gilt auch dann, wenn ihm die Akte nach vorangegangener Fertigung eines Entwurfs der Berufungsschrift nur zum Zwecke der Unterschrift vorgelegt wird.

Die Pflicht des Anwalts zur eigenständigen Prüfung des Fristablaufs

Nach § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist die Wiedereinsetzung innerhalb einer zweiwöchigen Frist zu beantragen. Diese Frist beginnt, sobald das der Fristwahrung entgegenstehende Hindernis behoben ist (§ 234 Abs. 2 ZPO). Das ist der Fall, sobald die bisherige Ursache der Verhinderung beseitigt oder das Weiterbestehen des Hindernisses nicht mehr unverschuldet ist1.

Das Hindernis bestand im hier vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall darin, dass der Prozessbevollmächtigte des Klägers bei Einlegung der Berufung den Ablauf der Berufungsfrist nicht bemerkt hatte. Dieses Hindernis entfiel nicht erst mit dem Eingang des Hinweises des Beklagten auf den Fristablauf am 20.05.2014, sondern schon in dem Moment, in dem der Prozessbevollmächtigte des Klägers bei Anwendung der erforderlichen Sorgfalt die Versäumung der Berufungsfrist hätte bemerken müssen2. Das war am 5.05.2014 der Fall, als ihm die Sache zur Unterzeichnung der Berufungsschrift vorgelegt wurde.

Nach der gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hat der Rechtsanwalt selbständig und eigenverantwortlich zu prüfen, ob ein Fristende richtig ermittelt und eingetragen wurde, wenn ihm die Sache im Zusammenhang mit einer fristgebundenen Prozesshandlung, insbesondere zu deren Bearbeitung, vorgelegt wird3.

Dies gilt unabhängig davon, ob der Rechtsanwalt den Fristablauf ursprünglich selbst berechnet oder ob er die routinemäßige Fristberechnung und Fristenkontrolle einer zuverlässigen und sorgfältig überwachten Bürokraft übertragen hat4. Denn die Pflicht des Prozessbevollmächtigten, den Fristablauf bei der Vorbereitung einer fristgebundenen Prozesshandlung selbständig zu überprüfen, beruht darauf, dass die sorgfältige Vorbereitung der Prozesshandlung stets die Prüfung aller gesetzlichen Anforderungen an ihre Zulässigkeit einschließt. Diese Aufgabe ist von der Fristberechnung und Fristenkontrolle zu unterscheiden, die lediglich der rechtzeitigen Vorlage der Akten zum Zweck ihrer Bearbeitung durch den Rechtsanwalt dienen5.

Die Pflicht, den Fristablauf selbständig zu prüfen, besteht auch dann, wenn die Akte dem Prozessbevollmächtigten nach vorangegangener Fertigung eines Entwurfs der Berufungsschrift nur zum Zwecke der Unterschrift vorgelegt wird6. Denn die Bearbeitung ist erst dann abgeschlossen, wenn der fristgebundene Schriftsatz vom Rechtsanwalt unterzeichnet und zur Weiterleitung an das Gericht freigegeben worden ist.

Ohne Erfolg verweist gegenteilige Ansicht auf den Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 23.11.20007. In dem zugrunde liegenden Fall waren dem Anwalt die Akten nicht im Zusammenhang mit der Einlegung der Berufung, sondern zur Information über den Erhalt des Berufungsauftrags vorgelegt worden. Der BGH hat in dieser Entscheidung dagegen keinen Zweifel daran gelassen, dass der Anwalt die notierte Frist auf ihre Richtigkeit hätte überprüfen müssen, wenn ihm die Akten – wie im Streitfall – zur Bearbeitung der Berufung vorgelegt worden wären.

Eine Wiedereinsetzung in die versäumte Wiedereinsetzungsfrist scheitert daran, dass der Kläger die Wiedereinsetzungsfrist nicht unverschuldet versäumt hat. Er muss sich das Verschulden seines Prozessbevollmächtigten nach § 85 Abs. 2 ZPO zurechnen lassen.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 13. Januar 2015 – VI ZB 46/14

  1. BGH, Urteil vom 15.03.1977 – VI ZR 104/76, VersR 1977, 643, 644; Beschlüsse vom 01.06.1976 – VI ZB 23/75, VersR 1976, 962, 963; vom 05.03.2002 – VI ZR 286/01, VersR 2002, 637; BGH, Beschlüsse vom 13.07.2004 – XI ZB 33/03, VersR 2006, 426, 427; vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/10, NJW 2011, 1601 Rn. 9; vom 06.07.2011 – XII ZB 88/11, MDR 2011, 1208[]
  2. vgl. BGH, Beschlüsse vom 29.04.1975 – VI ZB 2/75, VersR 1975, 860 f.; vom 05.03.2002 – VI ZR 286/01, VersR 2002, 637; BGH, Beschlüsse vom 11.10.2004 – X ZB 3/03, NJW-RR 2005, 923; vom 19.06.2008 – V ZB 29/08 5, 6; vom 06.07.2011 – XII ZB 88/11, MDR 2011, 1208, jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüsse vom 01.06.1976 – VI ZB 23/75, VersR 1976, 962, 963; vom 19.02.1991 – VI ZB 2/91, VersR 1991, 1269; vom 11.02.1992 – VI ZB 2/92, NJW 1992, 1632; vom 05.03.2002 – VI ZR 286/01, VersR 2002, 637; vom 06.02.2007 – VI ZB 41/06, VersR 2007, 858 Rn. 6; vom 03.05.2011 – VI ZB 4/11 6; vom 05.06.2012 – VI ZB 76/11, VersR 2013, 645 Rn. 7; BGH, Urteil vom 25.09.2014 – III ZR 47/14, MDR 2014, 1337 Rn. 8[]
  4. vgl. BGH, Beschlüsse vom 13.07.1959 – IV ZR 57/59, VersR 1959, 814, 815; vom 11.12 1991 – VIII ZB 38/91, VersR 1992, 1153; vom 17.03.2004 – IV ZB 41/03, VersR 2005, 96; Urteil vom 25.09.2014 – III ZR 47/14, MDR 2014, 1337 Rn. 11[]
  5. BGH, Beschlüsse vom 01.06.1976 – VI ZB 23/75, VersR 1976, 962, 963; vom 08.01.2013 – VI ZB 52/12 9; BGH, Beschlüsse vom 17.03.2004 – IV ZB 41/03, VersR 2005, 96; Urteil vom 25.09.2014 – III ZR 47/14, MDR 2014, 1337 Rn. 11[]
  6. BGH, Beschlüsse vom 13.11.1975 – III ZB 18/75, VersR 1976, 342; vom 13.10.1993 – XII ZB 120/93 10; vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.2002 – VI ZR 286/01, VersR 2002, 637; BGH, Beschluss vom 20.01.2009 – Xa ZB 34/08, VersR 2010, 646 Rn. 8[]
  7. BGH, Beschluss vom 23.11.2000 – IX ZB 83/00, VersR 2002, 211, 212[]

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