Frist­be­re­chung durch das Büro­per­so­nal und Ver­merk über das Zustell­da­tum

Zur einer ord­nungs­ge­mä­ßen Orga­ni­sa­ti­on des Fris­ten­we­sens in einem Anwalts­bü­ro gehört nicht nur die Anwei­sung an das zustän­di­ge Büro­per­so­nal, den für den Beginn der Beru­fungs- und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Zustel­lung eines Urteils anhand der Datums­an­ga­be im unter­zeich­ne­ten Emp­fangs­be­kennt­nis oder auf dem Zustel­lungs­um­schlag zu ermit­teln. Dem Büro­per­so­nal muss auch auf­ge­ge­ben wer­den, das Datum der Zustel­lung geson­dert und deut­lich abge­ho­ben von dem nicht maß­geb­li­chen Auf­druck des Ein­gangs­da­tums zu ver­mer­ken [1].

Frist­be­re­chung durch das Büro­per­so­nal und Ver­merk über das Zustell­da­tum

Ein Rechts­an­walt hat durch orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen sicher­zu­stel­len, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig erstellt wird und inner­halb der lau­fen­den Frist beim zustän­di­gen Gericht ein­geht. Dabei ist er zwar nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs befugt, die Fest­stel­lung, Berech­nung und Notie­rung ein­fa­cher und in sei­nem Büro geläu­fi­ger Fris­ten einer gut aus­ge­bil­de­ten und sorg­fäl­tig über­wach­ten Ange­stell­ten zu über­las­sen [2]. Jedoch hat er durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sicher­zu­stel­len, dass die Fris­ten zuver­läs­sig fest­ge­hal­ten und kon­trol­liert wer­den. Ins­be­son­de­re muss ein Rechts­an­walt sicher­stel­len, dass das für den Lauf einer Rechts­mit­tel­frist maß­geb­li­che Datum der Urteils­zu­stel­lung in einer jeden Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Wei­se ermit­telt wird [3]. Hier­zu bedarf es eines beson­de­ren Ver­merks, wann die Zustel­lung des Urteils erfolgt ist.

Eine ver­läss­li­che Grund­la­ge für die Ermitt­lung des Zustel­lungs­da­tums bie­ten allein die Anga­ben in der die Zustel­lung doku­men­tie­ren­den Urkun­de, also in dem vom Anwalt unter­zeich­ne­ten Emp­fangs­be­kennt­nis (§ 174 ZPO) oder aber – wie hier – in der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de nebst Umschlag (§§ 180, 182 ZPO). Damit nach Rück­sen­dung eines unter­zeich­ne­ten Emp­fangs­be­kennt­nis­ses nicht jeder trag­fä­hi­ge Anhalt für den Zeit­punkt der Zustel­lung ver­lo­ren geht, gehört es zu den Sorg­falts­pflich­ten eines Anwalts, durch beson­de­re Anord­nun­gen dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sein Per­so­nal nach der Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses das dort ange­ge­be­ne Zustel­lungs­da­tum in den Hand­ak­ten oder ander­wei­tig fest­hält und sich nicht auf die Rich­tig­keit eines Ein­gangs­stem­pels ver­lässt [4]. Ent­spre­chen­des gilt, wenn die Zustel­lung durch Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de bewirkt und das Datum der Zustel­lung auf dem Pos­tumschlag ver­merkt wor­den ist. Da auch hier die Gefahr besteht, dass das abge­stem­pel­te Ein­gangs­da­tum nicht mit dem Zeit­punkt der Zustel­lung über­ein­stimmt, muss durch orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen sicher­ge­stellt sein, dass der Fris­ten­lauf nicht anhand des Ein­gangs­stem­pels, son­dern auf­grund des Zustel­ler­ver­merks auf dem Umschlag des zuge­stell­ten Schrift­stücks (vgl. § 180 Satz 3 ZPO) berech­net und notiert wird.

Den für eine ord­nungs­ge­mä­ße Fris­ter­mitt­lung uner­läss­li­chen Ver­merk über den Zeit­punkt der Zustel­lung eines Urteils ver­mag ein Ein­gangs­stem­pel des Anwalts­bü­ros auf dem zuge­stell­ten Urteil nicht zu erset­zen [5]. Er gibt kei­ne Aus­kunft über den Zeit­punkt der Zustel­lung, weil das Datum auf dem im Anwalts­bü­ro ange­brach­ten Ein­gangs­stem­pel nicht mit dem Datum über­ein­zu­stim­men braucht, unter dem der Anwalt das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net hat [6], oder unter dem auf sons­ti­ge Wei­se die Zustel­lung des Urteils bewirkt wor­den ist.

Dabei kann offen blei­ben, ob ein Rechts­an­walt sein Per­so­nal anzu­wei­sen hat, den Umschlag eines mit­tels Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de zuge­stell­ten Schrift­stücks zu ver­wah­ren. Jeden­falls hat er der für das Fris­ten­we­sen zustän­di­gen Kanz­lei­kraft ein­deu­ti­ge Anwei­sun­gen hin­sicht­lich der Fest­stel­lung, Berech­nung und Notie­rung von Fris­ten zu ertei­len, die so beschaf­fen sein müs­sen, dass die Ein­hal­tung einer Frist auch bei uner­war­te­ten Stö­run­gen des Geschäfts­ab­laufs gewähr­leis­tet ist [7]. Dazu gehört nicht nur die Anwei­sung an das zustän­di­ge Büro­per­so­nal, den für den Beginn der Beru­fungs- und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Zustel­lung eines Urteils anhand der Datums­an­ga­be im unter­zeich­ne­ten Emp­fangs­be­kennt­nis oder auf dem Zustel­lungs­um­schlag zu ermit­teln. Dem Büro­per­so­nal muss auch auf­ge­ge­ben wer­den, das Datum der Zustel­lung geson­dert und deut­lich abge­ho­ben von dem nicht maß­geb­li­chen Auf­druck des Ein­gangs­da­tums zu ver­mer­ken [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Juni 2010 – VIII ZB 12/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 17.10.1990 – XII ZB 73/​90, VersR 1991, 124; und 15.07.1998 – XII ZB 37/​98, NJW-RR 1998, 1442[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.01.2000 – VII ZB 20/​99, NJW 2000, 1872; und vom 05.02.2003 – VIII ZB 115/​02, NJW 2003, 1815, m.w.N.[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 16.04.1996 – VI ZR 362/​95, NJW 1996, 1968; und vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, NJW 2003, 435; jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.10.1990 – XII ZB 73/​90, VersR 1991, 124; und vom 15.07.1998 – XII ZB 37/​98, NJW-RR 1998, 1442[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.04.1996, aaO; vom 10.10.1991 – VII ZB 4/​91, NJW 1992, 574[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.04.1987 – VIII ZB 5/​87, VersR 1987, 1013; vom 13.03.1991 – XII ZB 22/​91, VersR 1992, 118; und vom 16.04.1996, aaO; jeweils m.w.N.[]
  7. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 05.02.2003, aaO, m.w.N.[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 15.07.1998, aaO[]