Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten – und der Klageantrag

Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten die­nen der Ver­mei­dung von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen und kon­kre­ti­sie­ren den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör.

Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten – und der Klageantrag

Das Gericht hat nach § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO ins­be­son­de­re dahin zu wir­ken, dass die Par­tei­en sach­dien­li­che Anträ­ge stel­len. Das recht­li­che Gehör vor Gericht zum Streit­ge­gen­stand einer Kla­ge bezieht sich danach nicht allein auf den Sach­ver­halt und sei­nen Vor­trag, son­dern eben­so auf die sach­dien­li­che Fas­sung der Kla­ge­an­trä­ge, mit denen eine Par­tei vor Gericht ver­han­delt1. Will das Gericht einem sol­chen Antrag abwei­chend von einer nahe­lie­gen­den Aus­le­gung eine enge­re Bedeu­tung bei­mes­sen, die zur Kla­ge­ab­wei­sung führt, so muss es die Par­tei auf die beab­sich­tig­te Aus­le­gung ihres Kla­ge­an­tra­ges hin- wei­sen. Die betrof­fe­ne Par­tei muss Gele­gen­heit erhal­ten, ihren Sach­an­trag klar­zu­stel­len und gege­be­nen­falls den Beden­ken des Gerichts anzu­pas­sen2.

Der nach § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO gebo­te­ne Hin­weis ist in die­sem Fall nicht des­halb ent­behr­lich gewe­sen, weil die betrof­fe­ne Par­tei von der Gegen­sei­te die nöti­ge Unter­rich­tung erhal­ten hat3. Die ergän­zen­de For­mu­lie­rung „und im Zusam­men­hang mit“ deu­tet bei objek­ti­vem Ver­ständ­nis nicht zwin­gend auf eine Erwei­te­rung der Fest­stel­lung in Bezug auf außer­halb der Auf­stel­lung im Schrei­ben vom 05.04.2017 lie­gen­de wei­te­re For­de­run­gen der Beklag­ten hin. Ohne einen ent­spre­chen­den Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts gegen­über der Klä­ge­rin, dass es die­ser For­mu­lie­rung im Kla­ge­an­trag eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung bei­mes­sen wol­le und die­sen daher teil­wei­se für nicht hin­rei­chend bestimmt hal­te, muss­te die Klä­ge­rin ihren Fest­stel­lungs­an­trag im Hin­blick auf die bean­stan­de­te For­mu­lie­rung nicht abändern.

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Ein Anwalt darf sich nicht auf das Gericht verlassen

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Juli 2021 – VII ZR 113/​20

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 23.04.2009 – IX ZR 95/​06 Rn. 5, NJW-RR 2010, 70[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 10.03.2016 – VII ZR 47/​13 Rn. 11, BauR 2016, 1211 = NZBau 2016, 431; Beschluss vom 06.07.2010 – VI ZR 177/​09 Rn. 3, NJW-RR 2010, 1363[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 23.04.2009 – IX ZR 95/​06 Rn. 6, NJW-RR 2010, 70[]