Leistung zur Abwendung der Zwangsvollstreckung

Die Leistung zur Abwendung der Zwangsvollstreckung kann auch dann als inkongruente Deckung anfechtbar sein, wenn der Gläubiger unter Ankündigung der Zwangsvollstreckung zur umgehenden Leistung auffordert, ohne eine letzte konkrete Frist zu setzen1.

Leistung zur Abwendung der Zwangsvollstreckung

Seit der Entscheidung vom 9. September 19972 hat der Bundesgerichtshof in ständiger Rechtsprechung angenommen, dass eine inkongruente Deckung im Sinne des Anfechtungsrechts auch dann vorliegt, wenn der Schuldner in der Krise zur Vermeidung einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung geleistet hat3. Hierzu gehört auch der hier vom Bundesgerichtshof zu entscheidende Fall.

Für die Beurteilung der Anfechtbarkeit ist es nicht wesentlich, ob die Zwangsvollstreckung im formalrechtlichen Sinne schon begonnen hat. Eine Befriedigung oder Sicherung ist auch inkongruent, wenn sie unter dem Druck unmittelbar bevorstehender Zwangsvollstreckung gewährt wurde4. Der Schuldner leistet nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs regelmäßig unter dem Druck einer unmittelbar drohen-den Zwangvollstreckung, wenn der Gläubiger zum Ausdruck gebracht hat, dass er alsbald die Mittel der Vollstreckung einsetzen werde, sofern der Schuldner die Forderung nicht erfülle5. Ob der Schuldner aufgrund eines unmittelbaren Vollstreckungsdrucks geleistet hat, beurteilt sich aus seiner objektivierten Sicht6.

Ein die Inkongruenz begründender Druck einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung besteht noch nicht, wenn der Schuldner nach Zustellung eines Vollstreckungsbescheides die titulierte Forderung erfüllt, ohne dass der Gläubiger die Zwangsvollstreckung zuvor eingeleitet oder angedroht hat7. Dort war noch nicht davon auszugehen, dass der Zustellung die Zwangsvollstreckung auf dem Fuße folgt. Der Vollstreckungsbescheid enthält noch keine Vollstreckungsandrohung, letzte Zahlungsfrist oder Zahlungsaufforderung, durch die eine entsprechende Erwartungshaltung des Schuldners erzeugt werden kann.

Damit ist auch vorliegend von einer Situation auszugehen, die nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs als inkongruente Deckung zu beurteilen ist. Das formularmäßige Schreiben des Finanzamtes vom 2. Februar 2005 war mit “Mahnung mit Ankündigung der Zwangsvollstreckung” überschrieben. Es enthielt einen Hinweis auf die Fälligkeit der aufgeführten Beträge. Danach folgte die Aufforderung, den rückständigen Gesamtbetrag umgehend zu bezahlen. Sodann lautet der Text wie folgt: “Falls Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, müssen Sie mit der Durchführung kostenpflichtiger Vollstreckungsmaßnahmen rechnen, z.B. der Pfändung von Sachen, ihres Arbeitseinkommens, ihren Forderungen gegenüber Kreditinstituten und anderen Schuldnern oder gegebenenfalls der Vollstreckung in ihr unbewegliches Vermögen (Grundstücke usw.).”

Das der Entscheidung vom 15. Mai 2003 (aaO) zugrunde liegende Schreiben war von der Finanzkasse ebenfalls automatisch versandt worden. Es enthielt die Aufforderung, rückständige Steuern und Säumniszuschläge innerhalb einer Woche zu zahlen, verbunden mit der Ankündigung, nach Ablauf der Frist zu vollstrecken. Das Schreiben vom 2. Februar 2005 ist als ausreichend anzusehen, den für eine inkongruente Deckung erforderlichen Vollstreckungsdruck auszulösen. Soweit das Oberlandesgericht Hamm in einem Urteil vom 25. Februar 20108 meint, anhand eines solchen Schreibens könne noch nicht festgestellt werden, dass eine Vollstreckung der Steuern unmittelbar bevorstehe, vielmehr handele es sich um eine typische erste Mahnung, mit der der Schuldner an die Zahlung erinnert werde, ist dies unrichtig. Ergibt sich – wie hier – aus dem Schreiben mit Ankündigung der Zwangsvollstreckung, dass der Schuldner nur wenige Tage Zeit hat, um die bereits angekündigte Zwangsvollstreckung durch Zahlung abzuwenden, wird der Vollstreckungsdruck erzeugt, durch dessen Inkongruenz in § 131 InsO eingreift. Auf die Verwendung einer nach Tagen bemessenen Frist kommt es dabei nicht an. Wird eine Wochenfrist noch weiter verkürzt, indem – etwa durch Benutzung des Wortes “umgehend” – zum Ausdruck gebracht wird, dass der Schuldner nur die Wahl hat, sofort zu zahlen oder die Zwangsvollstreckung in Kauf zu nehmen, reicht dies erst recht aus, um eine Drucksituation zu schaffen, die zur Inkongruenz führen kann. Aus der maßgeblichen Sicht des Schuldners, der die internen Verwaltungsvorgänge des Gläubigers nicht kennt, wird auch in einem solchen Fall der Eindruck hervorgerufen, die Zwangsvollstreckung stehe unmittelbar bevor. Einen bloßen unverbindlichen Hinweis auf die theoretisch möglichen Folgen der Nichtzahlung enthält ein solches Schreiben nicht. Durch die Verknüpfung der Aufforderung, “umgehend” die rückständigen Steuern zu entrichten, mit der Ankündigung, kostenpflichtige Vollstreckungsmaßnahmen durchzuführen, falls keine Zahlung erfolgt, muss der Schuldner damit rechnen, dass die Zwangsvollstreckung unmittelbar bevorsteht, wenn er nicht auf der Stelle bezahlt. Auch wenn das Schreiben keine konkrete Fristsetzung enthält, kann er nicht davon ausgehen, dass es zunächst weitere Mahnungen oder Vollstreckungsandrohungen gibt, bevor eine Zwangsvollstreckung tatsächlich stattfindet. Hierfür gab es vorliegend in dem Schreiben, das auch insofern auf die Situation der Schuldnerin zugeschnitten war, als schon auf eine mögliche Haftung des gesetzlichen Vertreters aus § 69 AO hingewiesen wurde, keine Anhaltspunkte. Aus objektiver Sicht war für einen mit den Verwaltungsvorgängen nicht vertrauten Dritten zunächst zu erwarten, dass es nicht folgenlos bleiben würde, wenn er die Aufforderung zur umgehenden Zahlung ignorierte. Zu rechnen war vielmehr mit der Durchführung von Vollstreckungsmaßnahmen innerhalb kürzester Zeit.

Der bloße Verzicht auf die Angabe einer konkreten Zahlungsfrist und deren Ersetzung durch das nach allgemeinem Sprachverständnis auf eine sofortige oder augenblickliche Zahlung gerichtete Wort “umgehend” schafft keine Situation, die sich von derjenigen, in der eine nach wenigen Tagen bemessene Frist gesetzt wird, nennenswert unterscheidet. Auch bei der Verknüpfung der Aufforderung zu einer umgehenden Zahlung mit der Ankündigung der Vollstreckung wird eine Drucksitution geschaffen, in der ein Schuldner im Fall der Nichtzahlung mit einer unmittelbar bevorstehenden Zwangsvollstreckung rechnen muss.

Die hier vorliegende “Mahnung mit Ankündigung von Zwangsvollstreckung” geht über ein erstes Mahnschreiben, das keine Inkongruenz bewirken kann, deutlich hinaus. Typisch für eine erste Mahnung ist, dass bisher gar kein Zahlungstitel existiert, jedenfalls aber eine Zwangsvollstreckung noch nicht absehbar ist. Dass eine erste Mahnung unter dem Blickwinkel eines inkongruenten Vollstreckungsdrucks nicht einer Mahnung mit Ankündigung der Zwangsvollstreckung gleichsteht, liegt auf der Hand. Durch die Ankündigung der Zwangsvollstreckung wird beim Empfänger die Erwartung hervorgerufen, dass diese auch umgehend stattfindet, wenn er nicht zahlt. Dass der Absender sich anders entschließt und zunächst weitere Mahnungen folgen lässt, die einen Rückschritt gegenüber dem bereits erzeugten Zahlungsdruck bedeuten würden, ist dagegen nicht zu erwarten. Unter den gegebenen Umständen kann der Hinweis auf die unterschiedlichen Vollstreckungsmöglichkeiten auch nicht als bloße Erläuterung der Vollstreckungsarten verstanden werden. Aufgrund der Ankündigung der Vollstreckung im Fall der Nichtzahlung musste der Empfänger damit rechnen, der Absender werde sämtliche Vollstreckungsmöglichkeiten einsetzen, soweit das Vermögen des Schuldners dafür eine Grundlage bot. Deshalb war auch nicht zu erwarten, dass nach der bereits erfolgten Ankündigung der Zwangsvollstreckung die Androhung bestimmter einzelner Vollstreckungsmaßnahmen vor ihrer Anordnung nachfolgte. Jedenfalls konnte der unbefangene Empfänger des Schreibens nach seinem Inhalt nicht darauf schließen, dass es sich nur um eine verschärfte Zahlungsaufforderung ohne ernsthafte Vollstreckungsabsichten des Versenders gehandelt haben könnte.

Eine Ausuferung der durch Vollstreckungsdruck herbeigeführten Inkongruenz ist damit nicht zu befürchten. Diese Gefahr ist auch im Hinblick auf die Anwendung des § 133 Abs. 1 InsO nicht gegeben. Ist eine entsprechende Ankündigung außerhalb des Drei-Monats-Zeitraums ergangen, so führt eine daraufhin erfolgte Zahlung nicht zur Inkongruenz9.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 20. Januar 2011 – IX ZR 8/10

  1. Ergänzung zu BGH, ZInsO 2003, 611 []
  2. BGH, Urteil vom 09.09.1997 – IX ZR 14/97, BGHZ 136, 309, 311 ff. []
  3. vgl. BGH, Urteile vom 20.11.2001 – IX ZR 159/00, ZIP 2002, 228, 229; vom 11.04.2002 – IX ZR 211/01, WM 2002, 1193, 1194; vom 26.09.2002 – IX ZR 66/99, WM 2003, 59, 60; vom 15.05.2003 – IX ZR 194/02, ZInsO 2003, 611, 612; vom 18.21.2003 – IX ZR 199/02, BGHZ 157, 242, 248; und vom 07.12.2006 – IX ZR 157/05, ZIP 2007, 136 Rn. 8 []
  4. vgl. BGH, Urteil vom 15.05.2003, aaO S. 612; vom 18.12.2003, aaO; vom 07.12.2006, aaO Rn. 8 []
  5. BGH, Urteil vom 11.04.2002, aaO []
  6. BGH, Urteil vom 07.12.2006, aaO Rn. 8 []
  7. BGH, Urteil vom 07.12.2006 – IX ZR 157/05, aaO Rn. 10 ff. []
  8. OGL Hamm, Urteil vom 25.02.2010 – 27 U 117/09 []
  9. BGH, Urteile vom 27.05.2003 – IX ZR 169/02, BGHZ 155, 75, 83 f; vom 18.12.2003, aaO S. 254 f; Beschluss vom 18.06.2009 – IX ZR 7/07, ZIP 2009, 1434 Rn. 6 []