Münd­li­che Neben­ab­re­den – und der ange­bo­te­ne Zeu­gen­be­weis

Von einer Beweis­erhe­bung darf grund­sätz­lich nicht bereits des­we­gen abge­se­hen wer­den, weil die beweis­be­las­te­te Par­tei kei­ne schlüs­si­ge Erklä­rung dafür lie­fert, wes­halb eine von ihr behaup­te­te Abspra­che zu einer schrift­lich getrof­fe­nen Abre­de kei­nen Ein­gang in den schrift­li­chen Ver­trag gefun­den hat. Denn der Grad der Wahr­schein­lich­keit der Sach­ver­halts­schil­de­rung ist für den Umfang der Dar­le­gungs­last regel­mä­ßig ohne Bedeu­tung. Das Feh­len einer schlüs­si­gen Erklä­rung spielt daher in aller Regel erst im Rah­men der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung des Pro­zess­stoffs eine Rol­le 1.

Münd­li­che Neben­ab­re­den – und der ange­bo­te­ne Zeu­gen­be­weis

Es gehört zwar zu den aner­kann­ten Grund­sät­zen für die – an sich dem Tatrich­ter vor­be­hal­te­ne – Aus­le­gung einer Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung, dass der Wort­laut der Ver­ein­ba­rung den Aus­gangs­punkt einer nach §§ 133, 157 BGB vor­zu­neh­men­den Aus­le­gung bil­det. Gleich­zei­tig gilt hier­bei aber auch, dass ein über­ein­stim­men­der Par­tei­wil­le dem Wort­laut und jeder ande­ren Inter­pre­ta­ti­on vor­geht, selbst wenn er im Inhalt der Erklä­rung kei­nen oder nur einen unvoll­kom­me­nen Aus­druck gefun­den hat 2. Schon wegen die­ses Vor­rangs eines über­ein­stim­men­den Par­tei­wil­lens hät­te das Beru­fungs­ge­richt das dahin­ge­hen­de zen­tra­le Vor­brin­gen des Klä­gers und den hier­zu ange­tre­te­nen Zeu­gen­be­weis nicht als unbe­acht­lich über­ge­hen dür­fen, zumal es – wie sei­ne ergän­zen­den Über­le­gun­gen zu der sich ver­meint­lich aus dem dis­po­si­ti­ven Recht erge­ben­den Inter­es­sen­la­ge zei­gen – auch schon den Ver­trags­wort­laut, der das Wie und Wo des Zur­ver­fü­gung­s­te­hens offen­lässt, als für sich allein noch nicht in der von ihm letzt­lich ange­nom­me­nen Rich­tung zwin­gend erach­tet hat.

Fall unter Her­an­zie­hung ande­rer ober­ge­richt­li­cher Recht­spre­chung 3 meint, der Klä­ger hät­te zur Erheb­lich­keit sei­nes Sach­vor­trags nicht nur das mit der Rege­lung in § 4 des Kauf­ver­tra­ges tat­säch­lich Gewoll­te dar­le­gen, son­dern zusätz­lich noch nach­voll­zieh­bar und schlüs­sig erläu­tern müs­sen, aus wel­chen Umstän­den sich die Unvoll­stän­dig­keit der Urkun­de erklä­ren las­se, war­um die Par­tei­en also von einer schrift­li­chen Fixie­rung der münd­li­chen Neben­ab­re­de abge­se­hen hät­ten, fin­den – wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits in der Ver­gan­gen­heit klar­ge­stellt hat 4 – der­art weit­ge­hen­de Dar­le­gungs­not­wen­dig­kei­ten im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze mehr und über­span­nen die an einen recht­lich beacht­li­chen Sach­vor­trag zu stel­len­den Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen in einer nicht mit Art. 103 Abs. 1 GG in Ein­klang ste­hen­den Wei­se.

Ein Sach­vor­trag ist zur Begrün­dung eines Anspruchs bereits dann schlüs­sig und erheb­lich, wenn die Par­tei Tat­sa­chen vor­trägt, die in Ver­bin­dung mit einem Rechts­satz geeig­net und erfor­der­lich sind, das gel­tend gemach­te Recht als in der Per­son der Par­tei ent­stan­den erschei­nen zu las­sen, wobei uner­heb­lich ist, wie wahr­schein­lich die­se Dar­stel­lung ist. Die Anga­be nähe­rer Ein­zel­hei­ten ist nicht erfor­der­lich, soweit die­se für die Rechts­fol­gen nicht von Bedeu­tung sind. Das Gericht muss nur in die Lage ver­setzt wer­den, auf­grund des tat­säch­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei zu ent­schei­den, ob die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Bestehen des gel­tend gemach­ten Rechts vor­lie­gen. Sind die­se Anfor­de­run­gen erfüllt, ist es Sache des Tatrich­ters, in die Beweis­auf­nah­me ein­zu­tre­ten und dabei gege­be­nen­falls die benann­ten Zeu­gen oder die zu ver­neh­men­de Par­tei nach wei­te­ren Ein­zel­hei­ten zu befra­gen. Dage­gen ist die Fra­ge, ob ein Sach­vor­trag wahr­schein­lich oder ange­sichts der Urkun­den­la­ge eher unwahr­schein­lich ist, für die Erheb­lich­keit und damit die Beweis­be­dürf­tig­keit des Vor­brin­gens ohne Belang 5. Dem­entspre­chend darf bei einem Par­tei­vor­trag zu Umstän­den, die in einer Ver­trags­ur­kun­de kei­nen oder nur undeut­li­chen Nie­der­schlag gefun­den haben, nicht zusätz­lich zur Dar­le­gung einer Wil­lens­über­ein­stim­mung bei Ver­trags­schluss noch eine Erklä­rung dafür gefor­dert wer­den, wes­halb die Par­tei­en davon abge­se­hen haben, eine behaup­te­te münd­li­che (Neben)Abrede in die Ver­trags­ur­kun­de auf­zu­neh­men 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Novem­ber 2014 – VIII ZR 302/​13

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Beschlüs­se vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/​11, NJW 2012, 382; und vom 21.10.2014 – VIII ZR 34/​14[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 05.04.2005 – VIII ZR 160/​04, NJW 2005, 1950 unter – II 2 a; vom 20.09.2006 – VIII ZR 141/​05 7; vom 06.03.2007 – X ZR 58/​06 12; vom 30.04.2014 – XII ZR 124/​1217; jeweils mwN[]
  3. KG, MDR 2003, 79[]
  4. BGH, Beschluss vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/​11, NJW 2012, 382 Rn. 23; eben­so auch BGH, Beschluss vom 21.10.2014 – VIII ZR 34/​14, unter – II 2 b bb [2] mwN, zur Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­se­hen[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 11.05.2010 – VIII ZR 212/​07, NJW-RR 2010, 1217 Rn. 11; vom 12.03.2013 – VIII ZR 179/​12 10 f.; jeweils mwN[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/​11, aaO; vom 21.10.2014 – VIII ZR 34/​14, aaO[]