Pfän­dung ins P‑Konto – und die Bele­ge für erhöh­te Pfän­dungs­frei­be­trä­ge

Der Gläu­bi­ger, zu des­sen Guns­ten Ansprü­che des Schuld­ners auf Aus­zah­lung von Gut­ha­ben auf einem Pfän­dungs­schutz­kon­to gepfän­det und über­wie­sen wer­den, kann ver­lan­gen, dass die gemäß § 836 Abs. 3 Satz 1 ZPO bestehen­de Ver­pflich­tung des Schuld­ners zur Her­aus­ga­be der bei ihm vor­han­de­nen Nach­wei­se, wel­che gemäß § 850k Abs. 2, Abs. 5 Satz 2 ZPO zur Erhö­hung der Pfän­dungs­frei­be­trä­ge füh­ren kön­nen, in den Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss auf­ge­nom­men wird. Dem Schuld­ner muss nach­ge­las­sen wer­den, die Über­ga­be durch Her­aus­ga­be von Kopi­en zu erfül­len.

Pfän­dung ins P‑Konto – und die Bele­ge für erhöh­te Pfän­dungs­frei­be­trä­ge

Gemäß § 836 Abs. 3 Satz 1 ZPO ist der Schuld­ner ver­pflich­tet, dem Gläu­bi­ger die zur Ein­zie­hung der gepfän­de­ten For­de­rung nöti­ge Aus­kunft zu ertei­len und ihm die über die For­de­rung vor­han­de­nen Urkun­den her­aus­zu­ge­ben. Die Vor­schrift soll dem Gläu­bi­ger die Ein­zie­hung der For­de­rung beim Dritt­schuld­ner erleich­tern. Die Aus­kunfts- und Her­aus­ga­be­pflicht dient sei­nem Inter­es­se, die zur Durch­set­zung der For­de­rung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen zu erhal­ten. Der Gläu­bi­ger soll in die Lage ver­setzt wer­den, die Aus­sich­ten einer Dritt­schuld­ner­kla­ge zu über­prü­fen und not­falls eine sol­che exakt bezif­fern kön­nen. Unnö­ti­ge und risi­ko­be­haf­te­te Dritt­schuld­ner­kla­gen sol­len ver­mie­den wer­den 1. Die Her­aus­ga­be­pflicht des Schuld­ners betrifft Urkun­den, die den Gläu­bi­ger als zur Emp­fang­nah­me der Leis­tung berech­tigt legi­ti­mie­ren, sowie sol­che, die den Bestand der For­de­rung bewei­sen oder sonst der Ermitt­lung oder dem Nach­weis ihrer Höhe, Fäl­lig­keit oder Ein­re­de­frei­heit die­nen 2. Zu den Urkun­den, die zur Ermitt­lung oder zum Nach­weis der For­de­rungs­hö­he die­nen, gehö­ren die lau­fen­den Lohn­ab­rech­nun­gen, regel­mä­ßig die letz­ten drei Lohn­ab­rech­nun­gen aus der Zeit vor der Zustel­lung des Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses 3, Beschei­de über öffent­lich­recht­li­che Leis­tun­gen und Ren­ten­be­schei­de 4. Dazu gehört auch die Beschei­ni­gung einer Schuld­ner­be­ra­tungs­stel­le im Sin­ne von § 305 Nr. 1 InsO, da die­se mit den per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen des Schuld­ners betraut ist und des­halb über die für die Berech­nung des pfänd­ba­ren Betrags not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen ver­fügt 5.

Bei Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze steht dem Gläu­bi­ger ein Anspruch gemäß § 836 Abs. 3 Satz 1 ZPO auf Her­aus­ga­be der in § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO genann­ten, beim Schuld­ner vor­han­de­nen Beschei­ni­gun­gen zu.

Inwie­weit der Anspruch des Schuld­ners auf Aus­zah­lung eines Gut­ha­bens auf einem Pfän­dungs­schutz­kon­to der Pfän­dung unter­liegt, ergibt sich aus § 850k Abs. 1 bis 3 ZPO. Ent­hält der Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss kei­ne Anga­ben hier­zu 6, ist es grund­sätz­lich Sache des Dritt­schuld­ners, den pfän­dungs­frei­en Gut­ha­ben­be­trag zu ermit­teln und an den Gläu­bi­ger aus­zu­zah­len. Dabei muss er berück­sich­ti­gen, dass die in § 850k Abs. 2 Satz 1 ZPO genann­ten Unter­halts­pflich­ten und Son­der­be­zü­ge des Schuld­ners zu einer Erhö­hung der nach § 850k Abs. 1 ZPO maß­geb­li­chen Pfän­dungs­frei­be­trä­ge füh­ren. Weil das kon­to­füh­ren­de Kre­dit­in­sti­tut, anders als regel­mä­ßig der Arbeit­ge­ber des Schuld­ners bei der Pfän­dung von Arbeits­ein­kom­men, von den hier­für maß­geb­li­chen Umstän­den kei­ne Kennt­nis besitzt, muss es die nach § 850k Abs. 2 ZPO pfand­frei­en Beträ­ge gemäß § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO nur inso­weit an den Schuld­ner aus­zah­len, als die­ser durch eine Beschei­ni­gung des Arbeit­ge­bers, der Fami­li­en­kas­se, des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers oder einer geeig­ne­ten Per­son oder Stel­le im Sin­ne von § 305 Abs. 1 Nr. 1 InsO nach­weist, dass das Gut­ha­ben nicht von der Pfän­dung erfasst ist.

Die Urkun­den, die der Schuld­ner nach § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO benö­tigt, um eine Erhö­hung des pfän­dungs­frei­en Betra­ges zu errei­chen, sind im Regel­fall iden­tisch mit den Unter­la­gen, die nach § 836 Abs. 3 Satz 1 ZPO an den Gläu­bi­ger für den Fall her­aus­zu­ge­ben sind, dass der Anspruch gegen den Leis­tungs­ver­pflich­te­ten gepfän­det wird. Arbeit­ge­ber, öffent­li­che Stel­len oder Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger sind nicht ver­pflich­tet, beson­de­re Beschei­ni­gun­gen zu erstel­len, da kei­ne Beden­ken bestehen, dass die Kre­dit­wirt­schaft die übli­chen Beschei­ni­gun­gen akzep­tiert und auf deren Grund­la­ge in die Lage ver­setzt wird, die not­wen­di­gen Berech­nun­gen schnell und zutref­fend vor­zu­neh­men 5. Eben­so wie bei der Voll­stre­ckung in das Ein­kom­men des Schuld­ners besteht des­halb bei der Voll­stre­ckung in ein Pfän­dungs­schutz­kon­to das berech­tig­te Inter­es­se des Gläu­bi­gers, auf die für die Berech­nung not­wen­di­gen Unter­la­gen zugrei­fen zu kön­nen. Dadurch wird der Gläu­bi­ger in die Lage ver­setzt, die Berech­nung des Dritt­schuld­ners nach­zu­voll­zie­hen, die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Beschei­ni­gung zu prü­fen, was wegen der schuld­be­frei­en­den Wir­kung der Aus­zah­lung des Kre­dit­in­sti­tuts gemäß § 850k Abs. 5 Satz 3 ZPO beson­ders bedeut­sam ist, und gege­be­nen­falls einen Antrag nach § 850k Abs. 4 ZPO in Ver­bin­dung mit § 850c Abs. 4, § 850e Nr. 2, 3, § 850f Abs. 2, 3, § 850g ZPO, § 54 Abs. 4 SGB I zu stel­len.

Der Her­aus­ga­be der gemäß § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO dem Dritt­schuld­ner vor­zu­le­gen­den Beschei­ni­gun­gen ste­hen berech­tig­te Inter­es­sen des Schuld­ners nicht ent­ge­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof teilt nicht die Auf­fas­sung des Beschwer­de­ge­richts, mit Sinn und Zweck des § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO sei eine Her­aus­ga­be der Beschei­ni­gun­gen unver­ein­bar. Zwar ist es zutref­fend, dass der Schuld­ner die Beschei­ni­gun­gen benö­tigt, um einen voll­stän­di­gen Pfän­dungs­schutz zu erlan­gen, und die zum 1.07.2009 in Kraft getre­te­ne Neu­fas­sung des § 850k ZPO dies gewähr­leis­ten will 7. Dem steht aber eine Her­aus­ga­be­pflicht nicht ent­ge­gen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann der Schuld­ner sei­ne Her­aus­ga­be­ver­pflich­tung durch die Über­ga­be von Kopi­en erfül­len, soweit der Gläu­bi­ger nicht auf das Ori­gi­nal bei­spiels­wei­se zum Zweck sei­ner Legi­ti­ma­ti­on ange­wie­sen ist 8. Die Ori­gi­na­le der Beschei­ni­gun­gen nach § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO sind für den Gläu­bi­ger unbe­deu­tend. Durch die Über­ga­be von Kopi­en wird daher den berech­tig­ten Inter­es­sen des Gläu­bi­gers und des Schuld­ners in glei­cher Wei­se Rech­nung getra­gen.

Der Gläu­bi­ger kann im Umfang sei­nes Her­aus­ga­be­an­spruchs die Bezeich­nung der her­aus­zu­ge­ben­den Urkun­den im Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss ver­lan­gen. Zwar ist eine den Voll­stre­ckungs­zu­griff ermög­li­chen­de genaue Bezeich­nung im Sin­ne von § 836 Abs. 3 Satz 5 (frü­her Satz 3) ZPO nicht mög­lich, da nicht fest­steht, wel­che Urkun­den der Schuld­ner dem Kre­dit­in­sti­tut vor­le­gen kann. Der Gläu­bi­ger hat aber ein berech­tig­tes Inter­es­se an einer Her­aus­ga­be­an­ord­nung im Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss, die eine Bestim­mung durch den Schuld­ner ermög­licht 9. So liegt der Fall hier. Durch die Bezug­nah­me auf die nach § 850k Abs. 5 Satz 2 ZPO der Dritt­schuld­ne­rin vor­zu­le­gen­den Urkun­den wird die Her­aus­ga­be­pflicht des Schuld­ners klar­ge­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Febru­ar 2013 – VII ZB 59/​10

  1. BGH, Beschluss vom 09.02.2012 – VII ZB 49/​10, BGHZ 192, 314 Rn. 7; Beschluss vom 20.12.2006 – VII ZB 58/​06, NJW 2007, 606 Rn. 8 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 09.02.2012 – VII ZB 49/​10, BGHZ 192, 314 Rn. 7; Beschluss vom 20.12.2006 – VII ZB 58/​06, NJW 2007, 606 Rn. 6; Beschluss vom 28.06.2006 – VII ZB 142/​05, NJW-RR 2006, 1576 Rn. 8; Beschluss vom 14.02.2003 – IXa ZB 53/​03, NJW 2003, 1256[]
  3. BGH, Beschluss vom 20.12.2006 – VII ZB 58/​06, NJW 2007, 606 Rn. 6[]
  4. Münch­Komm-ZPO/S­mid, 4. Aufl., § 836 Rn. 124; Schusch­ke in Schuschke/​Walker, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., § 836 Rn. 9; Brehm in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 836 Rn. 14, Fn. 43; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 836 Rn. 13; Musielak/​Becker, ZPO, 9. Aufl., § 836 Rn. 7[]
  5. Geset­zes­be­grün­dung zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Kon­to­pfän­dungs­schut­zes, BT-Drucks. 16/​7615, S.20[][]
  6. zur Zuläs­sig­keit eines sog. "Blan­kett­be­schlus­ses" gemäß § 850c Abs. 3 Satz 2 ZPO: BGH, Beschluss vom 24. Januar?2006 – VII ZB 93/​05, BGHZ 166, 48[]
  7. Geset­zes­be­grün­dung zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Kon­to­pfän­dungs­schut­zes, BT-Drucks. 16/​7615, S. 1, 2, 9[]
  8. BGH, Beschluss vom 09.02.2012 – VII ZB 49/​10, BGHZ 192, 314 Rn. 7; Zöller/​Stöber, aaO, § 836 Rn. 14; Musielak/​Becker, aaO, § 836 Rn. 7; HkZPO/​Kemper, 5. Aufl., § 836 Rn. 12[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 28.06.2006 – VII ZB 142/​05, NJW-RR 2006, 1576 Rn. 9[]