Insol­venz­an­fech­tung von Gehalts­zah­lun­gen – ver­fas­sungs­ge­mäß und ohne Aus­schluss­fris­ten

Die Anfech­tungs­tat­be­stän­de der §§ 129 ff. InsO sind nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch inso­weit ver­fas­sungs­kon­form, wie sie die Anfech­tung von unter dem Druck von Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men bzw. durch Zwangs­voll­stre­ckung erlang­ter Zah­lun­gen von Arbeits­ent­gelt ermög­li­chen.

Insol­venz­an­fech­tung von Gehalts­zah­lun­gen – ver­fas­sungs­ge­mäß und ohne Aus­schluss­fris­ten

Die Aus­schluss­fris­ten in für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­gen sind auf den anfech­tungs­recht­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch nicht anwend­bar.

Um eine inkon­gru­en­te Deckung im Sinn des Anfech­tungs­rechts han­delt es sich bereits dann, wenn der Schuld­ner wäh­rend der "kri­ti­schen Zeit" der letz­ten drei Mona­te vor dem Eröff­nungs­an­trag oder in der Zeit nach Stel­lung des Insol­venz­an­trags unter dem Druck unmit­tel­bar dro­hen­der Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men leis­tet, um sie zu ver­mei­den 1. Der Schuld­ner gewährt damit eine Befrie­di­gung, die der Gläu­bi­ger "nicht in der Art" zu bean­spru­chen hat. Uner­heb­lich ist, ob die Zwangs­voll­stre­ckung im ver­fah­rens­recht­li­chen Sinn schon begon­nen hat­te, als die Leis­tung des Schuld­ners erfolg­te. Die Inkon­gru­enz wird durch den zumin­dest unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den hoheit­li­chen Zwang begrün­det 2.

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall erbrach­te die Arbeit­ge­be­rin (Schuld­ne­rin) die ange­foch­te­ne Gehalts­zah­lung auf­grund der ihr zuge­stell­ten Vor­pfän­dung und damit unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung 3. Dabei ist uner­heb­lich, dass das Ver­säum­nis­ur­teil noch nicht rechts­kräf­tig war. Es war nach § 62 Abs. 1 Satz 1 ArbGG vor­läu­fig voll­streck­bar.

Das Bar­ge­schäfts­pri­vi­leg des § 142 InsO schei­det bereits des­halb aus, weil die Zah­lung nicht auf­grund einer Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Schuld­ne­rin und dem Beklag­ten, son­dern unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung mit der Fol­ge inkon­gru­en­ter Befrie­di­gung geleis­tet wur­de 4. Muss der Gläu­bi­ger den Schuld­ner durch die Zwangs­voll­stre­ckung oder die Dro­hung mit ihr zur Leis­tung zwin­gen, liegt der Ver­dacht nahe, dass der Schuld­ner nicht zah­lungs­fä­hig ist. Eine sol­che Leis­tung ist nicht insol­venz­fest 5.

Die zeit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO sind im vor­lie­gen­den Fall erfüllt. Die Leis­tungs­hand­lung wur­de durch Über­wei­sung 18 Tage bevor der Insol­venz­an­trags der DAK beim Inol­venz­ge­richt ein­ging vor­ge­nom­men, der Leis­tungs­er­folg wur­de durch die spä­te­re Gut­schrift bewirkt. Der Leis­tungs­er­folg trat im letz­ten Monat vor dem nach § 139 Abs. 1 Satz 1 InsO maß­geb­li­chen Ein­gang des Eröff­nungs­an­trags beim Insol­venz­ge­richt ein. Wei­te­re tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen ent­hält § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO nicht. Es ist des­we­gen uner­heb­lich, dass der Insol­venz­an­trag nicht von der Schuld­ne­rin gestellt wur­de und dass die Schuld­ne­rin im Zeit­punkt des Ein­tritts des Leis­tungs­er­folgs kei­ne Kennt­nis von dem Antrag hat­te.

Kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken

§ 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO begeg­net kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Er ver­letzt ins­be­son­de­re nicht die Eigen­tums­ga­ran­tie des Art. 14 Abs. 1 GG oder den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG iVm. dem durch Art.20 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Sozi­al­staats­prin­zip. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen ein­ge­hend begrün­det 6. Dar­auf nimmt das Bun­des­ar­beits­ge­richt Bezug, um Wie­der­ho­lun­gen zu ver­mei­den. Her­vor­zu­he­ben ist, dass eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der §§ 129 ff. InsO zum Schutz des Exis­tenz­mi­ni­mums in Fäl­len der hier gege­be­nen inkon­gru­en­ten Deckung durch Erfül­lung von Ent­geltrück­stän­den unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung aus­schei­det. Bei sol­chen Ver­gü­tungs­rück­stän­den kön­nen Arbeit­neh­mer die zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums vor­ge­se­he­nen und geeig­ne­ten staat­li­chen Hil­fen in Anspruch neh­men 7.

Kei­ne tarif­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist

Der gel­tend gemach­te Anspruch besteht fort. Dabei kann dahin­ste­hen, ob der Klä­ger die Frist des § 15 BRTV gewahrt hat, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt ange­nom­men hat. Der insol­venz­recht­li­che Rück­ge­währ­an­spruch aus § 143 Abs. 1 Satz 1 InsO unter­fällt ent­ge­gen der Ansicht des Beklag­ten auch Aus­schluss­fris­ten in Tarif­ver­trä­gen, die für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt sind, nicht. Zwar ist die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Tarif­ver­trä­gen im Ver­hält­nis zu den ohne sie nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern ein Rechts­set­zungs­akt eige­ner Art zwi­schen auto­no­mer Rege­lung und staat­li­cher Rechts­set­zung, der zur Fol­ge hat, dass der Gel­tungs­be­fehl der tarif­li­chen Norm auch vom Gesetz­ge­ber aus­geht, der die von den Koali­tio­nen geschaf­fe­ne Rechts­ord­nung in sei­nen Wil­len auf­ge­nom­men hat. Die­ser Rechts­set­zungs­akt fin­det jedoch sei­ne eigen­stän­di­ge Rechts­grund­la­ge in Art. 9 Abs. 3 GG. Die all­ge­mein­ver­bind­li­che Tarif­norm ist nicht Ergeb­nis einer vom Staat selbst bestimm­ten Rechts­set­zung. Den nor­ma­ti­ven Inhalt des all­ge­mein­ver­bind­li­chen Tarif­ver­trags legen allein die Tarif­ver­trags­par­tei­en fest 8. Die nor­ma­ti­ve Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en erstreckt sich aber nicht auf das gesetz­li­che Schuld­ver­hält­nis der §§ 129 ff. InsO. §§ 129 ff. InsO begrün­den ohne jede Rück­sicht auf ein in der Insol­venz fort­be­stehen­des oder ein frü­he­res Arbeits­ver­hält­nis mit dem Insol­venz­schuld­ner ein gesetz­li­ches Schuld­ver­hält­nis, das der Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en ent­zo­gen ist. Mit die­sen Vor­schrif­ten hat der Gesetz­ge­ber ein mit Aus­schluss­fris­ten unver­ein­ba­res, in sich geschlos­se­nes Rege­lungs­sys­tem vor­ge­ge­ben, das den Beson­der­hei­ten der Mate­rie Rech­nung trägt, wegen des Ziels der abschlie­ßen­den Gesamt­re­ge­lung zwin­gen­den Cha­rak­ter auf­weist und tarif­li­che Aus­schluss­fris­ten ver­drängt. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat das in sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung aus­führ­lich begrün­det und nimmt dar­auf Bezug 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 3. Juli 2014 – 6 AZR 953/​12

  1. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 465/​12, Rn. 21; 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 13; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 14[]
  2. vgl. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 24 f.; 19.05.2011 – 6 AZR 736/​09, Rn. 12; BGH 18.12 2003 – IX ZR 199/​02, zu I 2 a aa der Grün­de, BGHZ 157, 242[]
  3. BAG 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 16[]
  4. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 16; 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 38 f. mwN[]
  5. vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/​09, Rn. 16[]
  6. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 23 ff.; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn.19 ff., 27 ff. mit zustim­men­der Anm. Fro­eh­ner NZI 2014, 562; s. auch 8.05.2014 – 6 AZR 465/​12, Rn. 24; 29.01.2014 – 6 AZR 345/​12, Rn. 17 ff.[]
  7. vgl. BAG 27.03.2014 – 6 AZR 989/​12, Rn. 43; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 34; 29.01.2014 – 6 AZR 345/​12, Rn. 43[]
  8. BVerfG 24.05.1977 – 2 BvL 11/​74 – [All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung I] zu B II 1 b und 2 b der Grün­de, BVerfGE 44, 322[]
  9. vgl. BAG 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 35 ff.; 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 18 ff.; zustim­mend Fro­eh­ner Anm. NZI 2014, 133, 134; Hamann/​Böing juris­PR-ArbR 7/​2014 Anm. 1; Knof/​Stütze EWiR 2014, 359[]