Zwei­fel an der Echt­heit einer Urkun­de

Der Geg­ner des Beweis­füh­rers kann die Echt­heit einer Urkun­de grund­sätz­lich mit Nicht­wis­sen bestrei­ten, wenn er an ihrer Errich­tung nicht mit­ge­wirkt hat. Ist er Insol­venz­ver­wal­ter, gilt das nur, wenn er aus den Unter­la­gen und durch Befra­gen des Schuld­ners kei­ne Erkennt­nis­se über die Echt­heit der Urkun­de gewin­nen kann und sei­ne dies­be­züg­li­chen Bemü­hun­gen nach­voll­zieh­bar dar­legt 1. Erst nach­dem alle (Gegen-)Beweise zur Echt­heit einer Urkun­de erho­ben wor­den sind, darf bei der abschlie­ßen­den (frei­en) Beweis­wür­di­gung auch berück­sich­tigt wer­den, dass dem Vor­brin­gen des Geg­ners des Beweis­füh­rers nichts zu ent­neh­men ist, das an der Echt­heit der Urkun­de zwei­feln lässt 2.

Zwei­fel an der Echt­heit einer Urkun­de

Von der Erhe­bung wei­te­rer Bewei­se zur Echt­heit einer Urkun­de darf das Gericht nur abse­hen, wenn der Geg­ner des Beweis­füh­rers die Echt­heit der Urkun­de nicht oder nicht aus­rei­chend sub­stan­ti­iert bestrit­ten hat. Denn dann gilt sie nach § 439 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 ZPO als aner­kannt; ihre Echt­heit bedürf­te kei­nes Bewei­ses (vgl. § 440 Abs. 1 ZPO).

So lag es im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall aber nicht: Der Beklag­te hat die Echt­heit der vor­ge­leg­ten Urkun­den bestrit­ten und dies mit dem Vor­han­den­sein von zwei unter­schied­li­chen Ori­gi­na­len der ursprüng­li­chen Ver­ein­ba­rung vom 20.01.1992 und der Vor­la­ge der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 08.09.2000 erst im Rechts­streit begrün­det. Die­ses Bestrei­ten reicht aus, weil sich der Beklag­te auch mit einem Bestrei­ten mit Nicht­wis­sen hät­te begnü­gen dür­fen 3. Das ergibt sich aller­dings nicht schon gemäß § 439 Abs. 1, § 138 Abs. 4 ZPO dar­aus, dass der Beklag­te an der Errich­tung der Urkun­den nicht betei­ligt war. Ein Insol­venz­ver­wal­ter darf eine Tat­sa­che, zu der sich Erkennt­nis­se aus den Unter­la­gen des Schuld­ners oder von die­sem selbst erge­ben kön­nen, mit Nicht­wis­sen nur bestrei­ten, wenn er ohne Erfolg die Unter­la­gen sich­tet und not­falls den Schuld­ner befragt und wenn er das Ergeb­nis sei­ner Bemü­hun­gen nach­voll­zieh­bar dar­legt 4. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor.

Der ver­stor­be­ne Ehe­mann der Klä­ge­rin stand als Geschäfts­füh­rer der GmbH und als Vor­stand der Kom­ple­men­tär-AG der Insol­venz­schuld­ne­rin für Aus­künf­te nicht mehr zur Ver­fü­gung. In den Unter­la­gen der GmbH befan­den sich nach den für das Revi­si­ons­ver­fah­ren zugrun­de zu legen­den Anga­ben des Beklag­ten kei­ne Ori­gi­na­le der Ver­ein­ba­run­gen. Erkennt­nis­se über die Echt­heit der von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten Exem­pla­re der Ver­ein­ba­rung erga­ben sich auch nicht dar­aus, dass der Rechts­an­walt der GmbH dem Beklag­ten nach dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter Instanz wei­te­re Exem­pla­re über­sandt hat. Die­ser mag zwar ange­ben kön­nen, wann er sie erhal­ten hat. Dar­aus mögen sich auch Indi­zi­en für die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Urkun­den erge­ben. Ob sie echt sind, lässt sich aber weder den von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten noch die­sen wei­te­ren Exem­pla­ren der Ver­ein­ba­rung ent­neh­men. Eine Befra­gung des Rechts­an­walts der GmbH dazu kam nicht in Betracht, weil er dem Beklag­ten nach des­sen hier maß­geb­li­chen Anga­ben erklärt hat­te, er sei bei der Unter­zeich­nung der Urkun­den nicht anwe­send gewe­sen. Der Beklag­te hät­te ihre Echt­heit danach mit Nicht­wis­sen bestrei­ten dür­fen; sein ein­fa­ches Bestrei­ten reich­te des­halb aus.

Die Echt­heit der Urkun­de war danach beweis­be­dürf­tig. Dann aber muss­te das Beru­fungs­ge­richt alle dazu ange­bo­te­nen Bewei­se erhe­ben. Es durf­te sich nicht auf die Erhe­bung eines Teils der Bewei­se beschrän­ken, auch nicht, wenn es auf Grund der bis­lang erho­be­nen Bewei­se einer­seits und der Wei­ge­rung des Beklag­ten, den Rechts­an­walt von der Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den, ande­rer­seits von der Echt­heit der Urkun­den über­zeugt war. Die Über­zeu­gung, eine bestrit­te­ne Tat­sa­che sei bereits erwie­sen, erlaubt es dem Gericht nicht, von der Erhe­bung wei­te­rer zuläs­si­ger und ange­bo­te­ner Bewei­se abzu­se­hen 5. Geschieht dies trotz­dem, liegt dar­in eine unzu­läs­si­ge vor­weg­ge­nom­me­ne Beweis­wür­di­gung. Ein sol­ches Vor­ge­hen ver­stößt gegen § 286, § 440 Abs. 1 ZPO und Art. 103 GG.

Etwas ande­res lässt sich, so der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter, nicht der Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts ent­neh­men. Das Reichs­ge­richt hat zwar ent­schie­den, dass die Echt­heit einer Urkun­de nicht stets durch Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nach­ge­wie­sen wer­den muss und dass der Tatrich­ter zu der Über­zeu­gung von der Echt­heit einer Urkun­de gelan­gen kann, wenn Art und Erschei­nungs­bild der Urkun­de und dem Vor­brin­gen des Geg­ners des Beweis­füh­rers nichts zu ent­neh­men ist, das ihn an der Echt­heit zwei­feln lässt 2. Das bedeu­tet aber nicht, dass das Gericht die Beweis­auf­nah­me vor Erhe­bung aller zuläs­si­gen und ange­bo­te­nen Bewei­se abbre­chen darf. In dem von dem Reichs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall kam in der gewähl­ten Ver­fah­rens­art – einem Wech­sel­pro­zess – die Erhe­bung ande­rer Bewei­se nicht in Betracht (vgl. § 595 Abs. 2 ZPO). Es ging allein um die – von dem Reichs­ge­richt bejah­te – Fra­ge, ob bei der dann anste­hen­den abschlie­ßen­den Wür­di­gung des Gesamt­ergeb­nis­ses der Beweis­auf­nah­me (§ 286 ZPO) berück­sich­tigt wer­den darf, dass der Geg­ner des Beweis­füh­rers eine Sub­stan­ti­ie­rung des Echt­heits­be­strei­tens nicht ein­mal ver­sucht hat, sei­nem Vor­brin­gen also nichts zu ent­neh­men ist, das an der Echt­heit der Urkun­de zwei­feln lässt.

Das Abse­hen von der Ein­ho­lung eines Schrift­gut­ach­tens erweist sich auch nicht des­halb als zutref­fend, weil der Beklag­te die "Fata­li­tä­ten" des § 441 Abs. 2 und 3 ZPO nicht ein­ge­hal­ten hat.

Hät­te das Beru­fungs­ge­richt die Erfor­der­lich­keit des Beweis­an­ge­bots erkannt, wäre es nach § 139 Abs. 1 ZPO zunächst gehal­ten gewe­sen zu klä­ren, ob der Beweis­an­tritt auf den – kei­ne Ver­gleichs­schrif­ten erfor­dern­den – Nach­weis einer Rück­da­tie­rung der Urkun­den gerich­tet sein soll­te; andern­falls hät­te es jeden­falls auf die Not­wen­dig­keit der Vor­la­ge von Ver­gleichs­ur­kun­den hin­wei­sen müs­sen. Dass der Hin­weis unter­blie­ben ist, war auf der Grund­la­ge der Rechts­auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts zwar kon­se­quent und damit nicht ver­fah­rens­feh­ler­haft 6. Auf der Grund­la­ge der abwei­chen­den Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs muss dem Beklag­ten aber Gele­gen­heit gege­ben wer­den, sei­nen Beweis­an­trag zu erläu­tern bzw. zu ergän­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Novem­ber 2012 – V ZR 179/​11

  1. Anschluss an BGH, Urteil vom 15.03.2012 – IX ZR 249/​09, NJWRR 2012, 1004[]
  2. RGZ 72, 290, 292[][]
  3. vgl. dazu: Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 138 Rn. 13 aE[]
  4. BGH, Urteil vom 15.03.2012 – IX ZR 249/​09, NJW-RR 2012, 1004, 1005 Rn. 16[]
  5. BGH, Urteil vom 17.02.1970 – III ZR 139/​67, BGHZ 53, 245, 259 f.; BGH, Beschlüs­se vom 28.04.2011 – V ZR 182/​10; und vom 21.07.2011 – V ZR 218/​10[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 13.07.2010 – VI ZR 254/​09, VersR 2010, 1666 Rn. 8[]