Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge – und die Unwahr­heit eines Aus­sa­ge­teils

Wenn Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge steht und die Ent­schei­dung im Wesent­li­chen davon abhängt, wel­chen Anga­ben das Gericht folgt, müs­sen die Urteils­grün­de erken­nen las­sen, dass der Tatrich­ter alle Umstän­de, die die Ent­schei­dung beein­flus­sen kön­nen, erkannt und in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen hat.

Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge – und die Unwahr­heit eines Aus­sa­ge­teils

Das gilt beson­ders, wenn sich sogar die Unwahr­heit eines Aus­sa­ge­teils des Belas­tungs­zeu­gen her­aus­stellt 1. Erfor­der­lich ist hier­bei zudem in beson­de­rem Maße eine Gesamt­wür­di­gung aller Indi­zi­en 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Beweis­wür­di­gung der erst­in­stanz­li­chen Straf­kam­mer nicht:

Vor­lie­gend han­delt es sich um einen Fall, in dem zu der ent­schei­den­den Fra­ge, ob der Geschlechts­ver­kehr mit der Zeu­gin S. ein­ver­nehm­lich erfolg­te (wie der Ange­klag­te behaup­tet) oder mit Gewalt vom Ange­klag­ten erzwun­gen wur­de (wie die Zeu­gin behaup­tet), letzt­lich Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge steht 3. Die Zeu­gin hat gegen­über der Poli­zei mehr­fach nach­weis­lich die Unwahr­heit gesagt und den Ange­klag­ten dort etwa zu Unrecht beschul­digt, er habe sie durch Vor­halt eines Mes­sers genö­tigt, mit ihm meh­re­re Kilo­me­ter weit in sei­ne Unter­kunft zu gehen (tat­säch­lich wur­den bei­de ein­ver­nehm­lich von einer Auto­fah­re­rin mit­ge­nom­men und tausch­ten spä­ter im Bei­sein eines Zeu­gen Zärt­lich­kei­ten aus). Als Grund für die­se Falsch­be­las­tung hat die geis­tig leicht behin­der­te Zeu­gin ange­ge­ben, sie habe dies gesagt, weil ihr wegen ihrer Behin­de­rung sonst kei­ner glau­be. Die aus­sa­ge­psy­cho­lo­gi­sche Sach­ver­stän­di­ge hat eine Erleb­nis­fun­diert­heit der Anga­ben der Zeu­gin nicht bestä­ti­gen kön­nen, weil deren Aus­sa­ge die Min­dest­an­for­de­run­gen an eine aus­sa­ge­über­grei­fen­de Kon­stanz nicht erfüll­ten.

Es fehlt die bei die­ser Lage not­wen­di­ge beson­ders sorg­fäl­ti­ge Gesamt­wür­di­gung aller für und gegen den Ange­klag­ten spre­chen­den Gesichts­punk­te. Die Straf­kam­mer hat jeweils iso­liert ein­zel­ne Umstän­de erör­tert, die aus ihrer Sicht für die Beweis­wür­di­gung eine Rol­le spie­len. Für jede wider­leg­te oder wider­sprüch­li­che Anga­be der Zeu­gin (etwa: "Ent­füh­rung" durch Vor­halt eines Mes­sers, angeb­li­che Nöti­gung zur Alko­hol­auf­nah­me, ein­zel­ne Umstän­de des Ver­ge­wal­ti­gungs­ge­sche­hens wie Anzahl und Posi­tio­nen beim Geschlechts­ver­kehr, Abla­ge des Zim­mer­schlüs­sels in einem Nacht­käst­chen) hat das Gericht iso­liert eine Erklä­rung gesucht, ohne die ver­schie­de­nen Män­gel der Aus­sa­ge in eine umfas­sen­de Gesamt­wür­di­gung mit den wei­te­ren be- und ent­las­ten­den Beweis­an­zei­chen ein­zu­stel­len.

Dass die Beweis­ergeb­nis­se nicht zuein­an­der in Bezie­hung gesetzt wer­den, wird auch bei der Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se der rechts­me­di­zi­ni­schen Unter­su­chung der Zeu­gin kurz nach dem Vor­fall deut­lich. Uner­ör­tert bleibt dabei etwa, ob die am ehes­ten durch Ent­lang­schür­fen eines fes­ten Gegen­stan­des (Reiß­ver­schluss oder Knopf) erklär­ba­ren Krat­zer an den Bei­nen der Zeu­gin nicht nur mit einem Ent­klei­den son­dern auch (oder sogar eher) mit dem von der Zeu­gin berich­te­ten has­ti­gen Anklei­den einer auf links gedreh­ten Hose erklär­bar sind. Das Gericht legt auch nicht dar, wie es vor dem Hin­ter­grund der übri­gen Beweis­ergeb­nis­se den Umstand wür­digt, dass sich die Zeu­gin kur­ze Zeit nach der Unter­su­chung durch die rechts­me­di­zi­ni­sche Sach­ver­stän­di­ge wahr­schein­lich selbst eine erheb­li­che Ver­let­zung des Hymens zuge­fügt hat, die nach sach­ver­stän­di­ger Ein­schät­zung nur schwer­lich mit einem inten­si­ven Wasch­ver­such erklär­bar ist.

Soweit das Land­ge­richt unter die­je­ni­gen Erwä­gun­gen, die nach sei­ner Ansicht die Aus­sa­ge der Zeu­gin bestä­ti­gen, auch fasst, dass die Anga­ben des Ange­klag­ten in den maß­geb­li­chen Punk­ten wider­legt wor­den sind, gilt, dass die blo­ße Wider­le­gung von Anga­ben des Ange­klag­ten grund­sätz­lich kein Schuld­in­diz ist, weil auch ein Unschul­di­ger Zuflucht zur Lüge neh­men kann 4. Will der Tatrich­ter eine erlo­ge­ne Ent­las­tungs­be­haup­tung als zusätz­li­ches Belas­tungs­an­zei­chen wer­ten, so muss er sich bewusst sein, dass eine wis­sent­lich fal­sche Ein­las­sung hier­zu ihren Grund nicht dar­in haben muss, dass der Ange­klag­te die Tat began­gen hat 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Dezem­ber 2015 – 1 StR 503/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2014 – 1 StR 700/​13[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 18.06.1997 – 2 StR 140/​97, NStZ-RR 1998, 16[]
  3. vgl. auch BGH, Beschluss vom 06.02.2014 – 1 StR 700/​13[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.1998 – 5 StR 469/​97, NStZ-RR 1998, 303 mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 364/​03, NStZ 2004, 392, 394 f.[]