Der Dea­ler und die Bei­hil­fe eines Jugend­li­chen

Nach §30a BtMG wird mit Frei­heits­stra­fe nicht unter fünf Jah­ren bestraft, wer als Per­son über 21 Jah­re eine Per­son unter 18 Jah­ren bestimmt, mit Betäu­bungs­mit­teln uner­laubt Han­del zu trei­ben, sie, ohne Han­del zu trei­ben, ein­zu­füh­ren, aus­zu­füh­ren, zu ver­äu­ßern, abzu­ge­ben oder sonst in den Ver­kehr zu brin­gen oder eine die­ser Hand­lun­gen zu för­dern.

Der Dea­ler und die Bei­hil­fe eines Jugend­li­chen

§ 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG in der Vari­an­te des Bestim­mens eines Min­der­jäh­ri­gen zum För­dern einer der dort genann­ten Kata­log­hand­lun­gen erfor­dert viel­mehr, dass der Min­der­jäh­ri­ge neben den objek­ti­ven auch die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer Bei­hil­fe­hand­lung im Sin­ne des § 27 StGB ver­wirk­licht 1. Dies folgt vor allem aus sys­te­ma­ti­schen Grün­den sowie Sinn und Zweck der Rege­lung, wie sie sich unter Beach­tung des den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu ent­neh­men­den Wil­lens des Gesetz­ge­bers erge­ben.

Der Wort­laut der Norm ist zwar nicht unmit­tel­bar ergie­big; denn der gesetz­lich ver­wen­de­te Begriff "För­dern" lässt für sich betrach­tet offen, wel­ches Vor­stel­lungs­bild der Min­der­jäh­ri­ge hin­sicht­lich der von ihm geför­der­ten Tat haben muss.

Für die Auf­fas­sung, dass auch die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer Bei­hil­fe­hand­lung in der hier rele­van­ten Vari­an­te des § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG vor­lie­gen müs­sen, spre­chen jedoch zunächst sys­te­ma­ti­sche Gesichts­punk­te. Die hier ein­schlä­gi­ge Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve stellt sich hin­sicht­lich des Tat­be­stands­merk­mals "Bestim­men" als Par­al­le­le zu § 26 StGB dar 2 und erhebt die Anstif­tungs­hand­lung zur eigent­li­chen Haupt­tat 3, die hier­durch unab­hän­gig von der kon­kre­ten Bestim­mungs­tat mit einem eige­nen Straf­rah­men belegt wird. Durch die­se gesetz­li­che Kon­struk­ti­on geht indes die Abhän­gig­keit der Straf­bar­keit des "Bestim­mens" – mit­hin in der Sache der Anstif­tung – von einer tat­be­stand­li­chen Haupt­tat des Ange­stif­te­ten nicht ver­lo­ren.

Auch Sinn und Zweck der Norm legen ein Ver­ständ­nis dahin nahe, dass der Min­der­jäh­ri­ge den Täter mit zumin­dest beding­tem Vor­satz för­dern muss.

Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en lässt sich in die­sem Zusam­men­hang Fol­gen­des ent­neh­men: § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG wur­de durch das Ver­bre­chens­be­kämp­fungs­ge­setz vom 28.10.1994 4 ein­ge­führt und ver­schärf­te den Straf­rah­men durch die Erhö­hung der Min­dest­stra­fe auf fünf Jah­re Frei­heits­stra­fe. Bereits der durch das Org­KG vom 15.07.1992 5 auch mit Blick auf Art. 3 Abs. 5 Buchst. f)) des Über­ein­kom­mens der Ver­ein­ten Natio­nen vom 20.12 1988 gegen den uner­laub­ten Ver­kehr mit Sucht­stof­fen und psy­cho­tro­pen Stof­fen 6 ein­ge­führ­ten Vor­gän­ger­vor­schrift des § 29a Abs. 1 Nr. 1 Buchst. b)) BtMG aF lag die Erfah­rung zugrun­de, dass zur Abwick­lung von Rausch­gift­ge­schäf­ten häu­fig Min­der­jäh­ri­ge wegen deren Straf­un­mün­dig­keit bzw. wegen deren gerin­ge­rer Straf­er­war­tung miss­braucht wur­den 7. Ratio legis der Anhe­bung der Straf­un­ter­gren­ze war, dass der Gesetz­ge­ber Taten als "äußerst sozi­al­schäd­lich und in her­aus­ra­gen­der Wei­se straf­wür­dig" erach­te­te, bei denen Kin­der und Jugend­li­che "nament­lich durch Ver­lei­ten zum Umgang mit Betäu­bungs­mit­teln in die Kri­mi­na­li­tät getrie­ben wer­den" 8. Die­se Umstän­de deu­ten zumin­dest dar­auf hin, dass der Gesetz­ge­ber jeweils die­je­ni­gen Fäl­le im Blick hat­te, in denen sich der Min­der­jäh­ri­ge selbst in den vom Straf­recht tat­be­stand­lich erfass­ten Bereich begibt. Dem ent­spricht auch die durch die Beschrän­kung des § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG auf ein­zel­ne § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG ent­nom­me­ne Tat­be­stands­va­ri­an­ten zum Aus­druck kom­men­de gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung, nicht jeg­li­che Berüh­rung des Min­der­jäh­ri­gen mit den Betäu­bungs­mit­tel­ta­ten des § 29 Abs. 1 BtMG unter die erhöh­te Straf­an­dro­hung zu stel­len.

Die­sem Ergeb­nis ste­hen die vor allem kri­mi­nal­po­li­ti­schen Erwä­gun­gen, auf die sich die Gegen­auf­fas­sung stützt, nicht ent­ge­gen. Hier­zu ist in der Sache – unab­hän­gig davon, wel­ches Gewicht der­ar­ti­gen Gesichts­punk­ten bei der Aus­le­gung einer Norm durch die Recht­spre­chung neben den aner­kann­ten Inter­pre­ta­ti­ons­me­tho­den im Ein­zel­fall zukom­men kann – zu bemer­ken, dass mit Blick auf die wei­te­re Ent­wick­lung des Min­der­jäh­ri­gen durch­aus ein Unter­schied im Unrechts­ge­halt und Gefähr­dungs­po­ten­zi­al der Anstif­tungs­hand­lung zwi­schen den Fäl­len, in denen der Min­der­jäh­ri­ge weiß oder zumin­dest damit rech­net, in Betäu­bungs­mit­tel­straf­ta­ten ver­strickt zu wer­den, er die ihm ange­son­ne­ne Hand­lung aber gleich­wohl vor­nimmt, und den­je­ni­gen besteht, in denen ihm sei­ne Ver­stri­ckung in den Betäu­bungs­mit­tel­han­del unbe­kannt bleibt, er sie mög­li­cher­wei­se auf­grund sei­nes Ent­wick­lungs­stan­des auch gar nicht erken­nen kann. Ange­sichts des Umstan­des, dass die erhöh­te Straf­an­dro­hung des § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG anders als in den von § 30a Abs. 2 Nr. 2 BtMG erfass­ten Fäl­len nicht an die Men­ge der Betäu­bungs­mit­tel anknüpft, der Tat­be­stand viel­mehr auch bei Kleinst­men­gen von Betäu­bungs­mit­teln anwend­bar ist, kann sich im Übri­gen gera­de in letzt­ge­nann­ter Fall­grup­pe die Straf­an­dro­hung des § 30a BtMG im Ein­zel­fall selbst bei Vor­lie­gen eines min­der schwe­ren Fal­les nach § 30a Abs. 3 BtMG als unan­ge­mes­sen dar­stel­len. Der erhöh­te Unrechts­ge­halt, der in der Benut­zung Min­der­jäh­ri­ger zum Aus­druck kom­men kann, die Betäu­bungs­mit­tel­de­lik­te nicht vor­sätz­lich för­dern, lässt sich mit Blick auf die Straf­rah­men der §§ 29 ff. BtMG über die all­ge­mei­nen Rege­lun­gen im Rah­men der Straf­zu­mes­sung ange­mes­sen berück­sich­ti­gen; bei Wis­sens­män­geln des Min­der­jäh­ri­gen kön­nen schließ­lich auch die Grund­sät­ze zur mit­tel­ba­ren Täter­schaft zum Tra­gen kom­men.

Ob es im Rah­men der übri­gen Tat­be­stands­mo­da­li­tä­ten des § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG aus­reicht, wenn der Min­der­jäh­ri­ge die Bestim­mungs­tat fahr­läs­sig begeht, muss der Bun­des­ge­richts­hof hier nicht ent­schei­den. Soweit dies für die Fäl­le bejaht wird, in denen der Min­der­jäh­ri­ge die Kata­log­tat als Haupt­tä­ter aus­führt 9, beruht die­se Ansicht im Wesent­li­chen dar­auf, dass die Kata­log­ta­ten des § 30a Abs. 2 Nr. 1 BtMG an § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG anknüp­fen und die dort auf­ge­führ­ten Bege­hungs­va­ri­an­ten gemäß § 29 Abs. 4 BtMG auch im Fal­le fahr­läs­si­gen Han­delns straf­bar sind. Für die Fäl­le des För­derns einer Kata­log­tat schei­det dies auf­grund der Par­al­le­le zum Hil­fe­leis­ten nach § 27 StGB schon des­halb aus, weil eine fahr­läs­si­ge Bei­hil­fe nicht straf­bar ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. August 2014 – 3 StR 17/​14

  1. so im Ergeb­nis auch Münch­Komm-StG­B/Rahlf, 2. Aufl., BtMG § 30a Rn. 63, 67, 69, 94; Weber, BtMG, 4. Aufl., § 30a Rn. 58 f., 63; Hügel/​Junge/​Lander/​Winkler, Deut­sches Betäu­bungs­mit­tel­recht, 8. Aufl., BtMG § 30a Rn.03.2 f.; zum Ver­ständ­nis des Tat­be­stands­merk­mals "För­dern" als Bei­hil­fe s. auch Kot­z/Rahlf-Oglak­cio­g­lu, Pra­xis des Betäu­bungs­mit­tel­straf­rechts, Rn. 344; Fran­ke/Win­ro­eder-Fran­ke, BtMG, 3. Aufl., § 30a Rn. 7; Malek/​Endriß, Betäu­bungs­mit­tel­straf­recht, 3. Aufl., Rn. 438; Apfel/S­tritt­mat­ter-Stritt­mat­ter, Pra­xis­wis­sen Straf­ver­tei­di­gung im Betäu­bungs­mit­tel­straf­recht, Rn. 491; vgl. auch Erb­s/­Kohl­haas-Pel­chen/Bruns, Straf­recht­li­che Neben­ge­set­ze, 196. EL, BtMG § 30a Rn. 5 ["För­dern" geht über eine Bei­hil­fe i.S.v. § 27 StGB hin­aus][]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 20.01.2000 – 4 StR 400/​99, BGHSt 45, 373, 374 f.[]
  3. Münch­Komm-StG­B/Rahlf, aaO, Rn. 53; Patz­ak/­Kör­ner/­Volk­mer-Patzak, BtMG, 7. Aufl., § 30a Rn. 32; Hügel/​Junge/​Lander/​Winkler, aaO[]
  4. BGBl. I S. 3186 ff.[]
  5. BGBl. I S. 1302 ff.[]
  6. BGBl. II 1993, S. 1136, 1144[]
  7. BT-Drs. 12/​989, S. 54 f.; Kör­ner/Patz­ak/­Volk­mer-Patzak, aaO, § 30a Rn. 26[]
  8. BT-Drs. 12/​6853, S. 3, 20, 41[]
  9. vgl. etwa Münch­Komm-StG­B/Rahlf, aaO, Rn. 67, 94; kri­tisch etwa Weber, aaO, Rn. 63[]