Der nach­ge­hol­te Eröff­nungs­be­schluss

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann eine zunächst unter­blie­be­ne Eröff­nungs­ent­schei­dung noch nach Beginn der Haupt­ver­hand­lung nach­ge­holt wer­den 1.

Der nach­ge­hol­te Eröff­nungs­be­schluss

Auch im Fal­le ihrer Nach­ho­lung ist die Ent­schei­dung über die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens und die Zulas­sung der Ankla­ge beim Land­ge­richt von der gro­ßen Straf­kam­mer stets in der Beset­zung außer­halb der Haupt­ver­hand­lung, mit­hin mit drei Berufs­rich­tern unter Aus­schluss der Schöf­fen (§ 199 Abs. 1 StPO i.V.m. § 76 Abs. 1 Satz 2 GVG) zu tref­fen 2.

Ergeht die Ent­schei­dung nicht in der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Beset­zung, ist sie unwirk­sam.

Dies gilt nicht nur bei einer Beschluss­fas­sung in der redu­zier­ten Haupt­ver­hand­lungs­be­set­zung nach § 76 Abs. 2 Satz 4 GVG 3, son­dern in glei­cher Wei­se auch für eine Eröff­nungs­ent­schei­dung, die in der nach § 76 Abs. 2 Satz 3 GVG vor­ge­se­he­nen Beset­zung für die Haupt­ver­hand­lung mit drei Berufs­rich­tern und zwei Schöf­fen ergan­gen ist.

Die ver­fah­rens­feh­ler­haf­te Betei­li­gung der Schöf­fen berührt die ver­fas­sungs­recht­li­che Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG und kann sich im Ein­zel­fall über das Mehr­heits­ver­hält­nis auf das Ergeb­nis der Ent­schei­dung aus­ge­wirkt haben.

Da im hier ent­schie­de­nen Fall die Ent­schei­dung über die Zulas­sung der Ankla­ge zur Haupt­ver­hand­lung und die dies­be­züg­li­che Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens aus­weis­lich der Sit­zungs­nie­der­schrift in lau­fen­der Haupt­ver­hand­lung durch die Straf­kam­mer in der Beset­zung mit drei Berufs­rich­tern und zwei Schöf­fen erfolgt ist, erweist sich der Eröff­nungs­be­schluss als unwirk­sam.

Der im Anschluss an die Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes und der Beleh­rung des Ange­klag­ten über sein Schwei­ge­recht ergan­ge­ne Ein­be­zie­hungs­be­schluss ent­fal­tet eben­falls kei­ne Wir­kun­gen. Der Ein­be­zie­hungs­be­schluss nach § 266 Abs. 1 StPO, der von der Straf­kam­mer in der Beset­zung der Haupt­ver­hand­lung getrof­fen wird 4, tritt zwar bei einer Nach­trags­an­kla­ge an die Stel­le des Eröff­nungs­be­schlus­ses 5. Für einen sol­chen Ein­be­zie­hungs­be­schluss war hier jedoch von vorn­her­ein kein Raum, weil es an einer Nach­trags­an­kla­ge gemäß § 266 Abs. 1 StPO fehl­te. Denn die Ankla­ge ist nicht münd­lich in der Haupt­ver­hand­lung son­dern ent­spre­chend der gesetz­li­chen Rege­lung des § 170 Abs. 1, § 199 Abs. 2 StPO durch Ein­rei­chung einer Ankla­ge­schrift bei Gericht erho­ben wor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Juli 2015 – 4 StR 598/​14

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.03.1980 – 1 StR 213/​79, BGHSt 29, 224; vom 02.11.2005 – 4 StR 418/​05, BGHSt 50, 267, 268[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 07.09.2011 – 1 StR 388/​11, NStZ 2012, 50; vom 22.06.2010 – 4 StR 216/​10, Stra­Fo 2010, 424; vom 02.11.2005 – 4 StR 418/​05 aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 07.09.2011 – 1 StR 388/​11 aaO; vom 22.07.2010 – 4 StR 216/​10 aaO; Urteil vom 25.02.2010 – 4 StR 596/​09 Rn. 12; Beschlüs­se vom 13.06.2008 – 2 StR 142/​08, NStZ 2009, 52; vom 16.05.2007 – 2 StR 154/​07, StV 2007, 562[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 29.08.2011 – 5 StR 327/​11, BGHR StPO § 266 Ein­be­zie­hungs­be­schluss 4[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.08.2011 – 5 StR 327/​11 aaO; vom 08.02.2011 – 4 StR 612/​10 Rn. 4[]