Die Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten – und die Feh­ler­mög­lich­kei­ten beim Aus­schluss des Ange­klag­ten

Der Aus­schluss des Ange­klag­ten von der Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten in der Haupt­ver­hand­lung ist immer wie­der feh­ler­träch­tig. Eine Feh­ler­quel­le fin­det sich in einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs, in der der Bun­des­ge­richts­hof das Vor­lie­gen des abso­lu­te Revi­si­ons­grun­des nach § 338 Nr. 5 StPO bejah­te:

Die Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten – und die Feh­ler­mög­lich­kei­ten beim Aus­schluss des Ange­klag­ten

Das Land­ge­richt hat den Ange­klag­ten "wegen schwe­ren sexu­el­len Miss­brauchs von Kin­dern und wegen sexu­el­len Miss­brauchs von Schutz­be­foh­le­nen in drei Fäl­len" zu der Gesamt­frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren und neun Mona­ten ver­ur­teilt. Im Ter­min zur Fort­set­zung der Haupt­ver­hand­lung am 13.03.2014 bean­trag­te die Neben­klä­ger­ver­tre­te­rin, den Ange­klag­ten für die Dau­er der Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten aus­zu­schlie­ßen. Staats­an­walt­schaft und Ver­tei­di­gung stimm­ten dem zu. Der Ange­klag­te ver­ließ dar­auf­hin den Sit­zungs­saal. Die Sit­zung wur­de kurz unter­bro­chen und mit der Ver­kün­dung fol­gen­den Beschlus­ses fort­ge­setzt: "Gemäß § 247 S. 2 StPO wird der Ange­klag­te für die Dau­er der wei­te­ren Ver­neh­mung der Zeu­gin W. aus­ge­schlos­sen, um einer Ret­rau­ma­ti­sie­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten und einen wei­te­ren psy­chi­schen Scha­den für die Zeu­gin zu ver­hin­dern." Anschlie­ßend wur­de die Geschä­dig­te ergän­zend ver­nom­men.

Der Bun­des­ge­richts­hof bejah­te den vom Ange­klag­ten gerüg­ten Ver­stoß gegen des­sen Anwe­sen­heits­recht und Anwe­sen­heits­pflicht gemäß § 230 Abs. 1 StPO. Sei­ne Abwe­sen­heit wäh­rend der Ver­kün­dung des Aus­schlie­ßungs­be­schlus­ses war gesetz­wid­rig und betraf einen wesent­li­chen Teil der Haupt­ver­hand­lung:

Wie von § 247 Satz 2 Fall 1 StPO vor­ge­ge­ben, hat das Gericht den Ange­klag­ten (nur) für die Dau­er der wei­te­ren Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten aus­ge­schlos­sen1. Die Ver­kün­dung des Aus­schlie­ßungs­be­schlus­ses selbst gehört nicht zu die­sem Ver­fah­rens­ab­schnitt. Er muss viel­mehr in Anwe­sen­heit des Ange­klag­ten ver­kün­det wer­den2.

Der Umstand, dass der Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten zuvor erklärt hat­te, "dass der Ange­klag­te ein­ver­stan­den sei, den Sit­zungs­saal zu ver­las­sen, auch wenn dafür kei­ne Not­wen­dig­keit gese­hen wird", steht dem Erfolg der Rüge nicht ent­ge­gen; denn das Recht des Ange­klag­ten auf Teil­nah­me an der Haupt­ver­hand­lung ist unver­zicht­bar und darf nur in den gesetz­lich vor­ge­se­he- nen Fäl­len ein­ge­schränkt wer­den3.

Der Fall, dass ein Beru­hen des Urteils auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß denk­ge­setz­lich aus­ge­schlos­sen wäre4, liegt hier nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Novem­ber 2014 – 4 StR 385/​14

  1. vgl. zur restrik­ti­ven Aus­le­gung des Begriffs der Ver­neh­mung BGH – Gro­ßer Senat für Straf­sa­chen –, Beschluss vom 21.04.2010 – GSSt 1/​09, BGHSt 55, 87, 89 f. []
  2. BGH, Beschluss vom 20.08.1997 – 3 StR 357/​97, StV 2000, 120; Becker in Löwe/​Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 247 Rn. 28; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.04.1986 – 2 StR 86/​86, StV 1987, 377; OLG Schles­wig, SchlHA 2012, 289, 293 f. bei Döllel/​Dreeßen []
  3. BGH, Beschlüs­se vom 06.02.1991 – 4 StR 35/​91, BGHR StPO § 338 Nr. 5 Ange­klag­ter 18; und vom 27.11.1992 – 3 StR 549/​92, BGHR StPO § 338 Nr. 5 Ange­klag­ter 19 []
  4. vgl. Becker aaO, § 247 Rn. 55 mwN []