Schuld­un­fä­hig wegen ADHS?

Die rich­ter­li­che Ent­schei­dung, ob die Fähig­keit des Ange­klag­ten, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, aus einem der in § 20 StGB bezeich­ne­ten Grün­de bei Bege­hung der Tat erheb­lich ver­min­dert ist, erfolgt in einem aus meh­re­ren Schrit­ten bestehen­den Ver­fah­ren:

Schuld­un­fä­hig wegen ADHS?
  1. Zunächst ist die Fest­stel­lung erfor­der­lich, dass bei dem Ange­klag­ten eine psy­chi­sche Stö­rung vor­liegt, die unter eines der psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB zu sub­su­mie­ren ist.
  2. Sodann sind in einem wei­te­ren Schritt der Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung und deren Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten zu unter­su­chen 1.

Haben bei der Tat meh­re­re Fak­to­ren zusam­men­ge­wirkt und kom­men meh­re­re Ein­gangs­merk­ma­le gleich­zei­tig in Betracht, so dür­fen die­se hier­bei nicht iso­liert abge­han­delt, son­dern müs­sen einer Gesamt­be­trach­tung unter­zo­gen wer­den 2.

Es bedurf­te im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch kei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs, ob eine ADHS-Erkran­kung als krank­haf­te see­li­sche Stö­rung oder als eine schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit ein­zu­ord­nen ist 3. Denn kei­nes die­ser Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB sah der Bun­des­ge­richts­hof von der Straf­kam­mer trag­fä­hig fest­ge­stellt:

Allein eine psych­ia­tri­sche Dia­gno­se ist nicht mit einem Ein­gangs­merk­mal des § 20 StGB gleich­zu­set­zen. Hier­für sind viel­mehr – wie oben dar­ge­legt – der Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung und ihr Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit ent­schei­dend 4. Die posi­ti­ve Fest­stel­lung, dass der Ange­klag­te eine rechts­wid­ri­ge Tat im Zustand der Schuld­un­fä­hig­keit oder der erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit began­gen hat, setzt dabei vor­aus, dass in der Per­son des Ange­klag­ten letzt­lich nicht nur Eigen­schaf­ten und Ver­hal­tens­wei­sen her­vor­ge­tre­ten sind, die sich im Rah­men des­sen hal­ten, was bei schuld­fä­hi­gen Men­schen anzu­tref­fen und übli­che Ursa­che für straf­ba­res Ver­hal­ten ist 5. Hier­zu gehö­ren etwa Eigen­schaf­ten wie Stim­mungs­schwan­kun­gen, gerin­ge Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz, Ten­denz zu Strei­te­rei­en und Impul­si­vi­tät; die­se sind nicht ohne wei­te­res dazu geeig­net, eine Per­son in einen Zustand erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit zu ver­set­zen 6.

Für die Bewer­tung der Schwe­re einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung ist viel­mehr ins­be­son­de­re maß­ge­bend, ob es im All­tag außer­halb der beschul­dig­ten Delik­te zu Ein­schrän­kun­gen des beruf­li­chen und sozia­len Hand­lungs­ver­mö­gens gekom­men ist 7. Dies gilt in glei­cher Wei­se, wenn es um die Ein­ord­nung als schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit geht. Auch für die Bewer­tung deren Schwe­re ist im All­ge­mei­nen maß­ge­bend, ob es im All­tag außer­halb des Delikts zu Ein­schrän­kun­gen des beruf­li­chen und sozia­len Hand­lungs­ver­mö­gens gekom­men ist 8. Erst wenn das Mus­ter des Den­kens, Füh­lens oder Ver­hal­tens sich im Zeit­ver­lauf als sta­bil erwie­sen hat, kön­nen die psych­ia­tri­schen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, die an krank­haf­te see­li­sche Stö­run­gen oder an eine – die­ser gleich­zu­stel­len­den – schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit zu stel­len sind 9.

Eine sol­che Prü­fung, ob es im All­tag außer­halb der beschul­dig­ten Delik­te zu Ein­schrän­kun­gen des beruf­li­chen und sozia­len Hand­lungs­ver­mö­gens gekom­men ist, lies das land­ge­richt­li­che Urteil im vor­lie­gen­den Fall – wie oben dar­ge­legt – indes ver­mis­sen. Hin­zu kommt, dass das von der Straf­kam­mer fest­ge­stell­te Tat­ge­sche­hen jeden­falls in wei­ten Tei­len nicht die typi­schen Merk­ma­le eines auf einer Impuls­kon­troll­stö­rung beru­hen­den Gesche­hens auf­weist 10. Viel­mehr hat der Ange­klag­te sei­nen Ent­schluss, mit der Neben­klä­ge­rin auch gegen deren Wil­len den Geschlechts­ver­kehrs aus­zu­üben, umge­setzt, indem er sich zur Woh­nung der Neben­klä­ge­rin begab, zu dem gekipp­ten Fens­ter klet­ter­te, die­ses öff­ne­te, ihr den Mund zuhielt, ihr das Mobil­te­le­fon abnahm, um des­sen Benut­zung zu ver­hin­dern, auf das Ein­schal­ten des Lichts dadurch reagier­te, dass er die Kapu­ze sei­nes Sweat­shirts auf­setz­te und anschlie­ßend das Licht wie­der aus­schal­te­te, und schließ­lich auch auf die Flucht der Neben­klä­ge­rin ins Wohn­zim­mer noch inter­es­sen­ge­recht reagier­te. Zudem han­del­te er bei dem ers­ten Schlag, um die Schreie der Neben­klä­ge­rin zu unter­bin­den, bei den wei­te­ren, zu dem Nasen­bein­bruch füh­ren­den Gewalt­hand­lun­gen schlug er aus Wut über die kör­per­li­che Gegen­wehr der Neben­klä­ge­rin und damit eben­falls aus "einem gewis­sen Beweg­grund" zu 11. Nicht für eine Über­for­de­rung, son­dern ein plau­si­bles Motiv der Miss­hand­lun­gen spricht auch, dass der Ange­klag­te selbst ein­ge­räumt hat, dass "Ziel sei­ner Schlä­ge … gewe­sen (sei), die Schreie und Hil­fe­ru­fe der Neben­klä­ge­rin zu unter­bin­den, damit kei­ne Drit­ten auf die Situa­ti­on auf­merk­sam wer­den wür­den".

Die Rechts­feh­ler füh­ren zur Auf­he­bung des Urteils mit den Fest­stel­lun­gen, soweit die Straf­kam­mer von einer erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten bei der Tat aus­ge­gan­gen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2016 – 4 StR 161/​16

  1. BGH, Urtei­le vom 12.06.2008 – 3 StR 154/​08, NStZ-RR 2008, 338, 339 7; vom 17.04.2012 – 1 StR 15/​12, NStZ 2013, 53, 54 24; Beschluss vom 12.03.2013 – 4 StR 42/​13, NStZ 2013, 519, 520 7[]
  2. BGH, Beschluss vom 12.03.2013 – 4 StR 42/​13, NStZ 2013, 519, 520 7, mwN[]
  3. vgl. dazu auch Nedopil/​Müller, Foren­si­sche Psych­ia­trie, 4. Aufl., S. 136, und OLG Hamm, Beschluss vom 05.11.2007 – 3 Ss 461/​07, NStZ-RR 2008, 138 13[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 22.05.2013 – 1 StR 71/​13, Rn. 6; vom 19.12 2013 – 2 StR 534/​13, BGHR StGB § 20 Wahn­vor­stel­lun­gen 1, Rn. 4; vom 08.01.2014 – 2 StR 514/​13, Rn. 8; Boetticher/​Nedopil/​Bosinski/​Saß, NStZ 2005, 57, 58[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 19.02.2015 – 2 StR 420/​14, Rn. 7; fer­ner Urteil vom 02.04.1997 – 2 StR 53/​97, BGHR StGB § 21 Psy­cho­se 1, Rn. 7; Beschluss vom 15.07.1997 – 4 StR 303/​97, BGHR StGB § 63 Zustand 26, Rn. 6[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.10.2006 – 2 StR 349/​06, NStZ 2007, 29 f., Rn. 4[]
  7. BGH, Beschluss vom 22.05.2013 – 1 StR 71/​13 6; Boetticher/​Nedopil/​Bosinski/​Saß, NStZ 2005, 57, 58[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52, Rn. 31; vom 01.07.2015 – 2 StR 137/​15, NJW 2015, 3319, 3320, Rn. 14; OLG Hamm aaO; vgl. auch Nedopil/​Müller aaO S. 139[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52, Rn. 31[]
  10. vgl. dazu auch BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52 32[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 30.09.2008 – 5 StR 305/​08, Rn. 4[]