Straf­zu­mes­sung – und die Gewich­tung der Grün­de

Die Straf­zu­mes­sung ist grund­sätz­lich Auf­ga­be des Tatrich­ters. Er allein ist auf­grund des umfas­sen­den Ein­drucks, den er in der Haupt­ver­hand­lung von der Tat und der Per­sön­lich­keit des Täters gewon­nen hat, in der Lage, die für die Straf­zu­mes­sung bestim­men­den ent­las­ten­den und belas­ten­den Umstän­de fest­zu­stel­len, sie zu bewer­ten und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen.

Straf­zu­mes­sung – und die Gewich­tung der Grün­de

Ein Ein­griff des Revi­si­ons­ge­richts in die­se Ein­zel­ak­te der Straf­zu­mes­sung ist in der Regel nur mög­lich, wenn die Zumes­sungs­er­wä­gun­gen in sich feh­ler­haft sind, wenn das Tat­ge­richt gegen recht­lich aner­kann­te Straf­zwe­cke ver­stößt oder wenn sich die ver­häng­te Stra­fe nach oben oder unten von ihrer Bestim­mung löst, gerech­ter Schuld­aus­gleich zu sein [1]. Nur in die­sem Rah­men kann eine „Ver­let­zung des Geset­zes“ im Sin­ne des § 337 Abs. 1 StPO vor­lie­gen. Eine ins Ein­zel­ne gehen­de Rich­tig­keits­kon­trol­le ist dage­gen aus­ge­schlos­sen [2].

Im vor­lie­gen­den Fall sah der Bun­des­ge­richts­hof die die Zumes­sungs­er­wä­gun­gen des Land­ge­richts als in sich feh­ler­haft an, weil es im Rah­men der kon­kre­ten Straf­zu­mes­sung ein­zel­nen Straf­zu­mes­sungs­grün­den erkenn­bar ein zu hohes Gewicht bei­gemes­sen hat:

Grund­sätz­lich kommt im Rah­men der Straf­zu­mes­sung der Art des Rausch­gifts und sei­ner Gefähr­lich­keit eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zu [3], wobei nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dies­be­züg­lich ein für die Straf­zu­mes­sung maß­geb­li­ches Stu­fen­ver­hält­nis von sog. „har­ten“ Dro­gen, wie Hero­in, Fen­tanyl, Koka­in und Crack [4] über Amphet­amin, das auf der Gefähr­lich­keits­ska­la einen mitt­le­ren Platz ein­nimmt [5], bis hin zu sog. „wei­chen“ Dro­gen, wie Can­na­bis [6], besteht [7].

Die straf­er­schwe­ren­de Bewer­tung des Land­ge­richts, dass es sich bei Metham­phet­amin „gerichts­be­kann­ter­wei­se um eine extrem gefähr­li­che und gesund­heits­schä­di­gen­de Dro­ge mit hohem Sucht­po­ten­ti­al han­delt“, sowie inhalt­lich ähn­li­che For­mu­lie­run­gen begeg­nen im vor­lie­gen­den Fall durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken. Der Bun­des­ge­richts­hof besorgt des­halb, dass das Land­ge­richt Metham­phet­amin als min­des­tens so gefähr­lich wie Hero­in ein­ge­schätzt und damit das in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung aner­kann­te vor­ge­nann­te Stu­fen­ver­hält­nis außer Acht gelas­sen hat. Zutref­fend ist zwar, dass es sich bei dem Rausch­gift Metham­phet­amin um ein durch­aus gefähr­li­ches Betäu­bungs­mit­tel mit hohem Sucht­po­ten­ti­al han­delt [8]. Dies bedeu­tet aller­dings nicht ohne wei­te­res, dass es hin­sicht­lich sei­ner Gefähr­lich­keit mit „har­ten“ Dro­gen, wie Hero­in, Fen­tanyl, Koka­in und Crack, gleich­zu­set­zen ist [9], zumal eine sol­che Annah­me durch das Land­ge­richt auch nicht näher belegt wur­de.

Des Wei­te­ren ist die unter­blie­be­ne Prü­fung, ob hin­sicht­lich des Ange­klag­ten N. die Vor­aus­set­zun­gen eines min­der schwe­ren Fal­les gemäß § 30 Abs. 2 BtMG vor­lie­gen, hier rechts­feh­ler­haft.

Hier lag unter den gege­be­nen Umstän­den die Annah­me eines min­der schwe­ren Fal­les gera­de für den Ange­klag­ten N. infol­ge der feh­len­den Vor­stra­fen, der sozia­len Ein­ord­nung in der Tsche­chi­schen Repu­blik, der finan­zi­el­len Unter­stüt­zung der Fami­lie in Viet­nam, der Sicher­stel­lung des Betäu­bungs­mit­tels, ins­be­son­de­re aber infol­ge des Vor­lie­gens des ver­typ­ten Mil­de­rungs­grun­des der Bei­hil­fe und vor allem sei­nes unter­ge­ord­ne­ten Tat­bei­tra­ges sowie des vom Land­ge­richt nicht fest­ge­stell­ten Eigen­in­ter­es­ses – auch in Anbe­tracht der Art und Men­ge des Betäu­bungs­mit­tels – nicht fern und hät­te infol­ge­des­sen der aus­drück­li­chen Erör­te­rung durch das Land­ge­richt bedurft.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juni 2016 – 1 StR 72/​16

  1. st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 17.09.1980 – 2 StR 355/​80, BGHSt 29, 319 mwN; vom 04.02.2004 – 5 StR 511/​03, wis­tra 2004, 262 [263]; vom 29.06.2005 – 1 StR 149/​05, NStZ 2006, 568; vom 07.06.2006 – 2 StR 42/​06, wis­tra 2006, 343 [344]; vom 07.11.2007 – 1 StR 164/​07, wis­tra 2008, 58 f.; und vom 19.01.2012 – 3 StR 413/​11, NStZ-RR 2012, 168; Beschluss vom 10.04.1987 – GSSt 1/​86, BGHSt 34, 349[]
  2. BGH, Urtei­le vom 29.06.2005 – 1 StR 149/​05, NStZ 2006, 568; und vom 07.11.2007 – 1 StR 164/​07, wis­tra 2008, 59; Beschluss vom 10.04.1987 – GSSt 1/​86, BGHSt 34, 349[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.06.2000 – 4 StR 202/​00, StV 2000, 613; Patzak in Körner/​Patzak/​Volkmer, BtMG, 8. Aufl., Vor §§ 29 ff. BtMG Rn.208[]
  4. BGH, Urteil vom 22.01.1998 – 4 StR 393/​97, NStZ-RR 1998, 148; vgl. auch BGH, Beschluss vom 29.06.2000 – 4 StR 202/​00, StV 2000, 613[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.06.1990 – 2 StR 275/​90, StV 1990, 494; vom 10.02.1993 – 2 StR 20/​92, NStZ 1993, 287; vom 30.10.1996 – 2 StR 508/​96, StV 1997, 75; und vom 26.03.2014 – 2 StR 202/​13, StV 2015, 353[]
  6. dazu BGH, Urtei­le vom 02.12 1986 – 1 StR 599/​86, StV 1987, 203; und vom 28.01.2009 – 5 StR 465/​08[]
  7. vgl. ins­ge­samt Patzak in Körner/​Patzak/​Volkmer, BtMG, 8. Aufl., Vor §§ 29 ff. BtMG Rn. 114, 126, 209 ff. mwN[]
  8. so BGH, Beschluss vom 09.07.2015 – 1 StR 7/​15, NStZ-RR 2015, 283[]
  9. dazu auch BGH, Urteil vom 17.11.2011 – 3 StR 315/​10, NJW 2012, 400 [401 aE][]