Pen­si­ons­al­ter

Ver­sto­ßen die beam­ten­recht­li­chen Pen­si­ons­al­ters­gren­zen gegen das Ver­bot der Alters­dis­kri­mie­rung? Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main meint ja.

Pen­si­ons­al­ter

Der Antrag­stel­ler des jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main ent­schie­de­nen Eil­ver­fah­rens ist Ober­staats­an­walt, der auf­grund der Voll­endung sei­nes 65. Lebens­jah­res im August 2009 mit Ablauf des Monats kraft Geset­zes in den Ruhe­stand tre­ten wür­de (§ 25 BeamtStG i. V. m. § 50 Abs. 1 HBG). Bereits im April 2009 hat­te er beim Hes­si­schen Minis­te­ri­um der Jus­tiz, für Inte­gra­ti­on und Euro­pa bean­tragt, den Ein­tritt in den Ruhe­stand für ein Jahr auf­zu­schie­ben. Nach­dem das Minis­te­ri­um zunächst nicht reagiert und spä­ter die­sen Antrag abge­lehnt hat­te, such­te der Antrag­stel­ler Mit­te Juli 2009 um einst­wei­li­gen Rechts­schutz nach.

Das Ver­wal­tungs­ge­richts Frank­furt am Main ent­schied nun, dass die beam­ten­recht­li­chen Alters­gren­zen­re­ge­lun­gen in Hes­sen mit dem Ver­bot der Alters­dis­kri­mi­nie­rung der euro­päi­schen Dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­nie 1 unver­ein­bar sind und des­halb nicht zulas­ten der Beam­ten ange­wandt wer­den kön­nen.

Das Frank­fur­ter Ver­wal­tungs­ge­richt sieht in den beam­ten­recht­li­chen Alters­gren­zen­re­ge­lun­gen eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und ver­neint die Mög­lich­keit, die­se Benach­tei­li­gung aus­nahms­wei­se zu recht­fer­ti­gen. Dabei hat es in Aus­wer­tung der zu Art. 6 Abs. 1 RL 2000/​78/​EG ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in Luxem­burg eine Recht­fer­ti­gungs­mög­lich­keit nur ange­nom­men, wenn die beam­ten­recht­li­che Alters­gren­zen­re­ge­lung einem Belang des All­ge­mein­wohls die­nen wür­de. Sol­che Belan­ge müss­ten den Poli­tik­fel­dern Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, Arbeits­markt oder beruf­li­che Bil­dung bzw. ver­gleich­ba­ren im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Berei­chen ent­nom­men wer­den.

Das Gericht hat kei­ne sol­che Recht­fer­ti­gungs­mög­lich­keit gese­hen, da den beam­ten­recht­li­chen Alters­gren­zen kein in sich stim­mi­ges arbeits­markt- oder sons­ti­ges sozi­al­po­li­ti­sches Kon­zept zugrun­de lie­ge. Daher unter­schei­de sich die hes­si­sche Rechts­la­ge von den vom EuGH 2007 zu beur­tei­len­den spa­ni­schen Gege­ben­hei­ten. Den spa­ni­schen tarif­li­chen Alters­gren­zen­re­ge­lun­gen läge ein lan­des­wei­ter Sozi­al­pakt der Tarif­par­tei­en und des Staa­tes zugrun­de. Ver­gleich­ba­res gel­te für die seit vie­len Jahr­zehn­ten im Kern unver­än­der­ten beam­ten­recht­li­chen Alters­gren­zen nicht. Soweit per­so­nal­pla­ne­ri­sche Inter­es­sen die Alters­gren­zen recht­fer­ti­gen sol­len, hat das Gericht inso­weit ange­nom­men, dass der­ar­ti­ge Zie­le nur vom EuGH nicht aner­kann­te pri­vat­au­to­no­me Zie­le dar­stel­len, denen es zudem man­gels Kri­te­ri­en für einen "rich­ti­gen" Per­so­nal­auf­bau an Objek­ti­vi­tät feh­le. Im Übri­gen gebe im Gel­tungs­be­reich der hes­si­schen Alters­gren­zen kei­ne nach­voll­zieh­ba­re Per­so­nal­pla­nung zur sog. rich­ti­gen Alters­schich­tung.

Die Ent­schei­dung der Frank­fur­ter Ver­wal­tungs­rich­ter hat zur Fol­ge, dass der Antrag­stel­ler von sei­nem Dienst­herrn, dem Land Hes­sen zunächst wei­ter als Ober­staats­an­walt beschäf­tigt wer­den muss und des­halb sein ent­spre­chen­des Amt auch über den August 2009 hin­aus aus­üben kann.

Mit der Ent­schei­dung ist jedoch kei­ne Aus­sa­ge zu der Fra­ge ver­bun­den, ab wel­chem Lebens­al­ter Beam­te und Beam­tin­nen unter Been­di­gung ihres Beam­ten­ver­hält­nis­ses abschlags­frei Ruhe­ge­halt bean­spru­chen kön­nen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main, Beschluss vom 6. August 2009 – 9 L 1887/​09.F(V)

  1. RL 2000/​78/​EG[]