Fris­ten­kon­trol­le – der Fris­ten­ka­len­der und das Post­aus­gangs­buch

Es gehört zu den Auf­ga­ben des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig erstellt wird und inner­halb der Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht. Zu die­sem Zweck muss der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te nicht nur sicher­stel­len, dass ihm die Akten von Ver­fah­ren, in denen Rechts­mit­tel- und Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­fris­ten lau­fen, recht­zei­tig vor­ge­legt wer­den. Er muss viel­mehr zusätz­lich eine Aus­gangs­kon­trol­le schaf­fen, durch die zuver­läs­sig gewähr­leis­tet wird, dass frist­wah­ren­de Schrift­sät­ze auch tat­säch­lich recht­zei­tig hin­aus­ge­hen.

Fris­ten­kon­trol­le – der Fris­ten­ka­len­der und das Post­aus­gangs­buch

Fris­ten erst gestri­chen wer­den oder ihre Erle­di­gung sonst kennt­lich gemacht wird, wenn die frist­wah­ren­de Maß­nah­me durch­ge­führt, der Schrift­satz also gefer­tigt und abge­sandt oder zumin­dest post­fer­tig gemacht und somit die wei­te­re Beför­de­rung der aus­ge­hen­den Post orga­ni­sa­to­risch zuver­läs­sig vor­be­rei­tet wor­den ist. Schließ­lich gehört zu einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le auch eine Anord­nung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, durch die gewähr­leis­tet wird, dass die Erle­di­gung der frist­ge­bun­de­nen Sachen am Abend eines jeden Arbeits­ta­ges anhand des Fris­ten­ka­len­ders von einer dazu beauf­trag­ten Büro­kraft über­prüft wird 1.

Zwar kann ein Post­aus­gangs­buch ein geeig­ne­tes Mit­tel sein, um die erfor­der­li­che Aus­gangs­kon­trol­le zu gewähr­leis­ten 2.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wur­den nach den anwalt­lich ver­si­cher­ten Aus­füh­run­gen des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten die Sen­dun­gen in des­sen Kanz­lei jedoch erst "nach Aus­trag" (im Post­aus­gangs­buch) kuver­tiert und zum Ver­sand (das heißt im vor­lie­gen­den Fall offen­bar: zur Abho­lung durch den Zustell­dienst) bereit­ge­hal­ten.

"Post­fer­tig" ist ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz aber erst dann, wenn er kuver­tiert, fran­kiert und damit so zur Ver­sen­dung fer­tig gemacht wird, dass die Beför­de­rung nor­ma­ler­wei­se nicht mehr durch ein Ver­se­hen, wel­ches die eigent­li­che Beför­de­rung nicht betrifft, ver­hin­dert wer­den kann; erst danach darf auch die betrof­fe­ne Frist als erle­digt ver­merkt wer­den 3. Erfolgt der Aus­trag hin­ge­gen bereits vor der "Post­fer­tig­stel­lung" der Sen­dung, so ist auf­grund des Post­aus­gangs­buchs kei­ne zuver­läs­si­ge Kon­trol­le mög­lich, ob die Absen­dung frist­ge­recht erfolgt ist. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Abgang (die Abho­lung) des Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­sat­zes am 27.07.2012 nicht durch das Post­aus­gangs­buch "aus­ge­wie­sen".

Dass eine Löschung der ein­ge­tra­ge­nen Beru­fungs­be­grün­dungs­frist im Fris­ten­ka­len­der des Anwalts erst nach der Abho­lung des Schrift­sat­zes durch den Zustell­dienst (oder min­des­tens nach der "post­fer­ti­gen Bereit­stel­lung" der Sen­dung) erfolgt, hat die Beklag­te vor dem Beru­fungs­ge­richt nicht vor­ge­tra­gen. Soweit es in der Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung heißt, der bei­gefüg­te Aus­zug aus dem Fris­ten­ka­len­der wei­se aus, dass die ein­ge­tra­ge­ne Beru­fungs­be­grün­dungs­frist "dar­auf­hin" (wohl: nach Abho­lung des Schrift­sat­zes durch den Zustell­dienst) gelöscht wor­den sei, hilft dies – abge­se­hen von der Fra­ge der Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit die­ses Vor­trags in der Rechts­be­schwer­de­instanz – nicht wei­ter. Denn zum einen wird damit noch kei­ne dahin­ge­hen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Fest­le­gung in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten dar­ge­tan, und zum ande­ren ist nicht glaub­haft gemacht wor­den, ins­be­son­de­re auch aus dem vor­ge­leg­ten Aus­zug aus dem Fris­ten­ka­len­der vom 30.07.2012 nicht ersicht­lich, wann (etwa schon: an wel­chem Tage) die Frist­lö­schung vor­ge­nom­men wur­de.

Letzt­lich ist daher im vor­lie­gen­den Fall eine Anord­nung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, durch die gewähr­leis­tet wird, dass die Erle­di­gung der frist­ge­bun­de­nen Sachen am Abend eines jeden Arbeits­ta­ges anhand des Fris­ten­ka­len­ders von einer dazu beauf­trag­ten Büro­kraft über­prüft wird, nicht dar­ge­tan.

Frei­lich käme es auf die orga­ni­sa­to­ri­sche Sicher­stel­lung einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten nicht an, wenn glaub­haft gemacht wor­den wäre, dass der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­satz vom 26.07.2012 tat­säch­lich am 27.07.2012 vom Post­bo­ten des Zustell­diens­tes "N. – " aus der Anwalts­kanz­lei abge­holt wur­de 4. Eine Ver­zö­ge­rung im Bereich des Zustell­diens­tes, mit der nicht zu rech­nen gewe­sen wäre, müss­ten sich die Beklag­te und ihr Rechts­an­walt nicht zurech­nen las­sen. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten hät­te sich ohne Ver­schul­den dar­auf ver­las­sen dür­fen, dass der von ihm ein­ge­schal­te­te pri­va­te Zustell­dienst die Über­mitt­lung an das Beru­fungs­ge­richt inner­halb der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten bewirkt 5.

Eine sol­che Glaub­haft­ma­chung liegt jedoch nicht vor. An die Abho­lung des Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­sat­zes durch den Zustell­dienst haben der Rechts­an­walt der Beklag­ten und sein Per­so­nal kei­ne Erin­ne­rung. Umstän­de, denen sich die Abho­lung des Schrift­sat­zes am 27.07.2012 posi­tiv ent­neh­men lie­ße, sind nicht vor­ge­tra­gen oder sonst ersicht­lich. Auf blo­ße Rück­schlüs­se lässt sich, wenn es, wie hier, an einer zurei­chen­den Aus­gangs­kon­trol­le fehlt, ein Wie­der­ein­set­zungs­an­trag nicht stüt­zen 6.

Der Senat ver­kennt nach eige­nem Bekun­den nicht, dass der Beklag­ten die Glaub­haft­ma­chung der recht­zei­ti­gen Absen­dung der Beru­fungs­be­grün­dung (zusätz­lich) dadurch erschwert wor­den ist, dass das Beru­fungs­ge­richt die Ver­säu­mung der Begrün­dungs­frist offen­bar erst sie­ben Mona­te spä­ter bemerkt und die Beklag­te sodann dar­auf hin­ge­wie­sen hat. Dies ver­mag die Beklag­te jedoch nicht zu ent­las­ten. Denn eine wirk­sa­me Post­aus­gangs­kon­trol­le in der Kanz­lei ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten hät­te die­se Schwie­rig­kei­ten abge­wen­det, und das Unter­las­sen der Gewähr­leis­tung einer sol­chen Aus­gangs­kon­trol­le muss sich die Beklag­te als (Organisations-)Verschulden ihres Anwalts ent­ge­gen­hal­ten las­sen (§ 85 Abs. 2 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Novem­ber 2013 – III ZB 46/​13

  1. st. Rspr.; s. etwa BGH, Beschlüs­se vom 23.04.2013 – X ZB 13/​12, BeckRS 2013, 09353 Rn. 9 mwN; vom 27.03.2012 – II ZB 10/​11, NJW-RR 2012, 745, 746 Rn. 9; vom 17.01.2012 – VI ZB 11/​11, NJW-RR 2012, 427 f Rn. 9; vom 12.04.2011 – VI ZB 6/​10, NJW 2011, 2051, 2052 Rn. 7 f; vom 20.07.2010 – XI ZB 19/​09, BeckRS 2010, 18808 Rn. 12; und vom 16.02.2010 – VIII ZB 76/​09, NJW 2010, 1378, 1379 Rn. 7[]
  2. vgl. dazu etwa BGH, Beschlüs­se vom 26.09.1994 – II ZB 9/​94, NJW 1994, 3171; und vom 10.04.1991 – XII ZB 28/​91, NJW-RR 1991, 1150[]
  3. s. BGH, Beschlüs­se vom 12.04.2011 aaO S.2052 f Rn. 8, 10; und vom 20.07.2010 aaO Rn. 13, jeweils mwN[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Beschlüs­se vom 10.04.1991 aaO; und vom 16.02.2010 aaO Rn. 7 ff[]
  5. s. dazu etwa BGH, Beschlüs­se vom 10.03.2011 – VII ZB 28/​10, NJW-RR 2011, 790 Rn. 8; und vom 23.01.2008 – XII ZB 155/​07, NJW-RR 2008, 930 Rn. 8 f[]
  6. s. BGH, Beschlüs­se vom 26.09.1994 aaO S. 3172; und vom 10.04.1991 aaO S. 1151[]