Hin­weis­pflich­ten des Beru­fungs­ge­richts

Die in ers­ter Instanz sieg­rei­che Par­tei darf dar­auf ver­trau­en, von dem Beru­fungs­ge­richt recht­zei­tig einen Hin­weis zu erhal­ten, wenn die­ses in einem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punkt der Beur­tei­lung der Vor­in­stanz nicht fol­gen will und auf Grund sei­ner abwei­chen­den Ansicht eine Ergän­zung des Vor­brin­gens oder einen Beweis­an­tritt für erfor­der­lich hält [1].

Hin­weis­pflich­ten des Beru­fungs­ge­richts

Ein hier­nach gebo­te­ner Hin­weis muss so recht­zei­tig erfol­gen, dass die Par­tei dar­auf noch sach­ge­recht reagie­ren kann [2]. Dies ermög­lich­te der (erst) in der münd­li­chen Ver­hand­lung erteil­te Hin­weis nicht. Von dem Klä­ger konn­te nicht erwar­tet wer­den, sogleich zu über­se­hen, wel­che Kon­se­quen­zen der von ihm bis­lang nicht erkann­te Gesichts­punkt für sei­ne Rechts­po­si­ti­on hat­te.

Erteilt das Gericht ent­ge­gen § 139 Abs. 4 Satz 1 ZPO den Hin­weis erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung, muss es der betrof­fe­nen Par­tei genü­gend Gele­gen­heit zur Reak­ti­on hier­auf geben. Kann eine sofor­ti­ge Äuße­rung nach den kon­kre­ten Umstän­den nicht erwar­tet wer­den, darf die münd­li­che Ver­hand­lung nicht ohne wei­te­res geschlos­sen wer­den. Viel­mehr muss das Gericht die münd­li­che Ver­hand­lung dann ver­ta­gen, soweit dies im Ein­zel­fall sach­ge­recht erscheint, ins schrift­li­che Ver­fah­ren über­ge­hen oder, wenn von der betrof­fe­nen Par­tei nach § 139 Abs. 5 ZPO bean­tragt, einen Schrift­satz­nach­lass gewäh­ren [3]. Die münd­li­che Ver­hand­lung darf in die­ser Situa­ti­on auch dann nicht geschlos­sen wer­den, wenn die Par­tei einen Antrag nach § 139 Abs. 5 ZPO nicht stellt [4]. Die Vor­schrift soll der Par­tei eine Opti­on eröff­nen, aber nicht ihren Anspruch auf recht­li­ches Gehör ver­kür­zen [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2013 – V ZR 43/​12

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 15.03.2006 – IV ZR 32/​05, NJW-RR 2006, 937 f.; und vom 26.06.2008 – V ZR 225/​07[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.09.2006 – II ZR 10/​05, NJW-RR 2007, 412 Rn. 4; und vom 26.06.2008 – V ZR 225/​07[]
  3. BGH, Beschluss vom 18.09.2006 – II ZR 10/​05, NJW-RR 2007, 412 Rn. 4[]
  4. BGH, Beschluss vom 18.09.2006 II ZR 10/​05, aaO[]
  5. Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 139 Rn. 14 a.E.[]