Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Beru­fungs­in­stanz und die Wie­der­ein­set­zung

Ver­säumt eine mit­tel­lo­se Par­tei die Frist zur Beru­fungs­ein­le­gung und Beru­fungs­be­grün­dung, kommt eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach Ent­schei­dung über die bean­trag­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe nur in Betracht, wenn die Mit­tel­lo­sig­keit für die Frist­ver­säu­mung ursäch­lich gewor­den ist [1].

Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Beru­fungs­in­stanz und die Wie­der­ein­set­zung

Die Mit­tel­lo­sig­keit einer Par­tei ist auch dann ursäch­lich für die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist und der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gewor­den, wenn ihr erst­in­stanz­li­cher Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter ein ord­nungs­ge­mä­ßes Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such für eine beab­sich­tig­te Beru­fung ein­reicht und die­ses vor Ablauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist begrün­det. Die Begrün­dung eines Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs für eine noch beab­sich­tig­te Beru­fung ist nicht mit einer voll­stän­dig erstell­ten Beru­fungs­be­grün­dung gleich­zu­set­zen [2].

Einer bedürf­ti­gen Par­tei, die ein Rechts­mit­tel ein­le­gen will, ist grund­sätz­lich Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen schuld­lo­ser Frist­ver­säu­mung (§§ 233 ff. ZPO) zu gewäh­ren, wenn sie bis zum Ablauf der Rechts­mit­tel­frist ein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ein­ge­reicht hat und sie ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit der Ver­wei­ge­rung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen feh­len­der Bedürf­tig­keit rech­nen muss­te [3]. Dies setzt aller­dings vor­aus, dass dem Antrag auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe eine ord­nungs­ge­mäß aus­ge­füll­te Erklä­rung über die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se nebst den erfor­der­li­chen Bele­gen bei­gefügt wor­den ist [4].

Zwar kommt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nur in Betracht, wenn die Mit­tel­lo­sig­keit der betrof­fe­nen Par­tei für die Frist­ver­säu­mung kau­sal gewor­den ist [5]. Denn Rechts­mit­tel­fris­ten wer­den nur dann schuld­los im Sin­ne von § 233 ZPO ver­säumt, wenn eine Par­tei sich wegen ihrer Mit­tel­lo­sig­keit außer­stan­de sieht, einen Rechts­an­walt mit der Ein­le­gung und Begrün­dung eines Rechts­mit­tels zu beauf­tra­gen [6]. Ent­schei­dend für die Ursäch­lich­keit der Mit­tel­lo­sig­keit einer Par­tei für die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist oder der Frist zu ihrer Begrün­dung ist, ob der beim Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­ne Rechts­an­walt bereit war, die Beru­fung auch ohne Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ein­zu­le­gen und/​oder zu begrün­den [7].

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sah der Bun­des­ge­richt­hof in dem jetzt vom ihm ent­schie­de­nen Fall noch als gege­ben an, obwohl die erst- und zweit­in­stanz­li­che Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten die Beru­fung noch vor der Ent­schei­dung über das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ein­ge­legt und begrün­det. Dies lässt aber noch nicht den Schluss zu, dass das wirt­schaft­li­che Unver­mö­gen der Par­tei für die Frist­ver­säu­mung nicht ursäch­lich war. Denn die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten hat die ver­säum­ten Pro­zess­hand­lun­gen (Ein­le­gung und Begrün­dung der Beru­fung) erst nach Ablauf der Beru­fungs­frist und der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nach­ge­holt. In einem sol­chen Fall ist, solan­ge sich nichts Gegen­tei­li­ges ergibt, davon aus­zu­ge­hen, dass die Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei für die zunächst unter­las­se­nen Pro­zess­hand­lun­gen und sodann für ihre Ver­spä­tung ursäch­lich gewor­den ist, wobei es einer Dar­le­gung der Grün­de, wes­halb das Rechts­mit­tel nicht schon vor Ablauf der Frist ein­ge­legt und/​oder begrün­det wer­den konn­te, nicht bedarf [8].

Anders ver­hält es sich dann, wenn ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­ne Tätig­keit ent­fal­tet, wäh­rend die Frist für die Pro­zess­hand­lung noch läuft [9]. Im vor­lie­gen­den Fall hat die Pro-zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten inner­halb der lau­fen­den Fris­ten weder eine Beru­fung noch eine Beru­fungs­be­grün­dung ein­ge­reicht, son­dern ledig­lich ein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such gestellt und begrün­det. Dar­in liegt der ent­schei­den­de Unter­schied zu dem vom Bun­des­ge­richts­hof im Jahr 2008 ent­schie­de­nen Fall. Dort war zunächst unbe­dingt Beru­fung ein­ge­legt und erst nach­träg­lich – wäh­rend des Laufs der Begrün­dungs­frist – ein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such gestellt wor­den, dem eine als Ent­wurf gekenn­zeich­ne­te [10] Beru­fungs­be­grün­dung bei­gefügt wor­den war. Auf die­se Gesichts­punk­te hat der Bun­des­ge­richts­hof sei­ne Über­zeu­gung gestützt, die Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei sei für die Ver­säu­mung der Begrün­dungs­frist nicht ursäch­lich gewor­den. Dage­gen ist vor­lie­gend in Anbe­tracht der anders gela­ger­ten Fall­um­stän­de nicht die Annah­me gerecht­fer­tigt, die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten habe mit der Abfas­sung des Schrift­sat­zes zur Bean­tra­gung und Begrün­dung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe die ver­gü­tungs­pflich­ti­ge Leis­tung der Beru­fungs­be­grün­dung bereits im vol­len Umfang erbracht und dadurch ihre Bereit­schaft zum Aus­druck gebracht, das Rechts­mit­tel auch ohne Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ein­zu­le­gen und zu begrün­den. Dass die wün­schens­wer­te Begrün­dung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags [11] den Umfang einer Beru­fungs­be­grün­dung erreich­te, ändert eben­falls nichts dar­an, dass eine Beru­fungs­be­grün­dung im Sin­ne von § 520 Abs. 3 ZPO erst mit einem spä­te­ren Schrift­satz nach Frist­ab­lauf erfolgt ist.

Das Wie­der­ein­set­zungs­ge­such ist beim Beru­fungs­ge­richt auch inner­halb der Frist des § 234 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 ZPO ein­ge­reicht wor­den. Die Wie­der­ein­set­zungs­frist beginnt in den Fäl­len, in denen vor Zustel­lung der Ent­schei­dung über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ein gericht­li­cher Hin­weis zugeht, wonach die Vor­aus­set­zun­gen für eine Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht vor­lie­gen, bereits ab die­sem Zeit­punkt zu lau­fen [12]. Nach Zugang des gericht­li­chen Hin­wei­ses vom 21. Dezem­ber 2009 hat der Beklag­te mit am 11. Janu­ar 2010 beim Beru­fungs­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Anwalts­schrift­satz Wie­der­ein­set­zung bean­tragt. Da das Beru­fungs­ge­richt von einer förm­li­chen Zustel­lung die­ses Hin­wei­ses abge­se­hen hat und nicht fest­stell­bar ist, wann die Hin­weis­ver­fü­gung dem Beklag­ten zuge­gan­gen ist, ist zu sei­nen Guns­ten davon aus­zu­ge­hen, dass die zwei­wö­chi­ge Wie­der­ein­set­zungs­frist (§ 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO) ein­ge­hal­ten ist. Es kann daher dahin ste­hen, ob dem Beklag­ten jeden­falls Wie­der­ein­set­zung in die Ver­säu­mung der Wie­der­ein­set­zungs­frist zu gewäh­ren wäre, weil das Beru­fungs­ge­richt ihm in der genann­ten Hin­weis­ver­fü­gung Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me bis zum Sonn­tag, dem 10. Janu­ar 2010, ein­ge­räumt hat­te.

Indem der Beklag­te mit Schrift­satz vom 11. Janu­ar 2010 außer­dem Beru­fung ein­ge­legt und zu deren Begrün­dung auf die Aus­füh­run­gen im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such Bezug genom­men hat, hat er auch die ver­säum­ten Pro­zess­hand­lun­gen inner­halb der Antrags­frist nach­ge­holt (§ 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO). Dass er sich dabei mit einer Bezug­nah­me auf die von sei­ner Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein­ge­reich­ten und von die­ser unter­zeich­ne­ten Aus­füh­run­gen im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such begnügt und kei­ne eigen­stän­di­ge Beru­fungs­be­grün­dung vor­ge­legt hat, ist unschäd­lich [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Novem­ber 2010 – VIII ZB 55/​10

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855[]
  2. Abgren­zung zu BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 19.11.2008 – IV ZB 38/​08, NJW-RR 2009, 563 Rn. 8; vom 13.01.2010 – XII ZB 108/​09, MDR 2010, 400 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.02.2008 – XII ZB 151/​07, NJW-RR 2008, 942 Rn. 10; vom 07.07.2008 – IX ZB 76/​08; jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 27.10.1965 – IV ZR 229/​64, NJW 1966, 203; Beschlüs­se vom 24.06.1999 – V ZB 19/​99, NJW 1999, 3271; und vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855 Rn. 4[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 24.06.1999 – V ZB 19/​99, aaO, mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, aaO[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 24.06.1999 – V ZB 19/​99, aaO; vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, aaO, Rn. 5; jeweils mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 27.10.1965 – IV ZR 229/​64, aaO S. 204; Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, aaO Rn. 6 mwN[]
  10. und wegen der bereits erfolg­ten Beru­fungs­ein­le­gung ver­gü­tungs­pflich­ti­ge[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 11.11.1992 – XII ZB 118/​92, NJW 1993, 732[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08, NJW 2009, 854 Rn. 11 mwN[]
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 19.05.2004 – XII ZB 25/​04, FamRZ 2004, 1553 unter II 2 b[]