Geld­spiel­au­to­ma­ten, der EuGH und der BFH

Trotz der für die Steu­er­pflich­ti­gen freund­li­chen "Lin­ne­we­ber und Akritidis"-Entscheidung des EuGH, wonach der Betrieb von Geld­spiel­au­to­ma­ten umsatz­steu­er­frei ist, sieht der Bun­des­fi­nanz­hof kei­ne Ver­an­las­sung, die Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Umsatz­steu­er­fest­set­zun­gen auf­grund die­ser EuGH-Ent­schei­dung zuzu­las­sen.

Geld­spiel­au­to­ma­ten, der EuGH und der BFH

Noch deut­li­cher kann der BFH nicht begrün­den, war­um im Streit­fäl­len alle Steu­er­be­schei­de bis zur Klä­rung der Rechts­la­ge mit Ein­spruch und/​oder Kla­ge offen gehal­ten wer­den soll­ten.
Im Übri­gen hat das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zwi­schen­zeit­lich zur Fra­ge der Abwick­lung die­ses Pro­blems für die Ver­gan­gen­heit in einem Rund­schrei­ben Stel­lung genom­men.

Nach dem Urteil des Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten (EuGH) vom 17. Febru­ar 2005 C‑453/​02 und C‑462/​02 –Lin­ne­we­ber und Akriti­dis– gilt die Steu­er­be­frei­ung des Art. 13 Teil A Buch­sta­be f der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht nur für die Ver­an­stal­tung oder den Betrieb von Glücks­spie­len und Glücks­spiel­ge­rä­ten aller Art in zuge­las­se­nen öffent­li­chen Spiel­ban­ken, son­dern auch für die Aus­übung der glei­chen Tätig­keit durch Wirt­schafts­teil­neh­mer, die nicht Spiel­bank­be­trei­ber sind.

Dar­aus folg­te, dass die deut­sche Rege­lung in § 4 Nr. 9 Buch­sta­be b UStG, die Steu­er­frei­heit nur für Umsät­ze in öffent­li­chen Spiel­ban­ken zuließ, gemein­schafts­rechts­wid­rig war.

"Pri­va­te" Betrei­ber von Geld­spiel­au­to­ma­ten ver­such­ten dar­auf hin, die gemein­schafts­recht­lich gebo­te­ne Steu­er­frei­heit für ihre Umsät­ze in ver­gan­ge­nen Jah­ren rück­wir­kend trotz bestands­kräf­ti­ger Steu­er­fest­set­zung zu erhal­ten.

Meh­re­re Revi­si­ons­ver­fah­ren zu die­ser Fra­ge kamen vor den Bun­des­fi­nanz­hof (BFH). Mit Urtei­len vom 23. Novem­ber 2006 ver­nein­te er die Ände­rungs­mög­lich­keit.

Im Urteils­fall V R 67/​05 griff eine GmbH, die Geld­spiel­au­to­ma­ten betrieb, die bestands­kräf­ti­ge Umsatz­steu­er­fest­set­zung für 1993 aus dem Jahr 1994 an. Nach dem o.g. Lin­ne­we­ber-Urteil des EuGH leg­te sie im Jahr 2005 Ein­spruch gegen den Umsatz­steu­er­be­scheid für 1993 ein und bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand. Sie berief sich auf das EuGH-Urteil vom 25. Juli 1991 C 208/​90 –Emmott – , dem­zu­fol­ge ein Mit­glied­staat, solan­ge er eine Richt­li­nie nicht ord­nungs­ge­mäß umge­setzt habe, sich nicht auf Bestands­kraft einer Steu­er­fest­set­zung beru­fen dür­fe, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sei­nen richt­li­ni­en­kon­for­men Anspruch gel­tend gemacht habe und die Gel­tend­ma­chung des Anspruchs prak­tisch unzu­mut­bar erschwert und ver­sperrt gewe­sen sei.

Im Ver­fah­ren V R 51/​05 leg­te eine Spiel­hal­len­be­trei­ber-GmbH im Jahr 2003 Ein­spruch gegen die bestands­kräf­ti­gen Umsatz­steu­er­be­schei­de für 1985 bis 1996 und 1998 ein. Auch sie berief sich auf das o.g. Emmott-Urteil des EuGH und mach­te gel­tend, der deut­sche Gesetz­ge­ber habe wider bes­se­res Wis­sen die gemein­schafts­rechts­wid­ri­ge Rege­lung in § 4 Nr. 9 Buchst. b UStG auf­recht­erhal­ten. Die Steu­er­frei­heit von Glücks­spiel­um­sät­zen wäre bereits durch das Gla­we-Ver­fah­ren vor dem EuGH (Urteil vom 5. Mai 1994 C‑38/​93) fest­ge­stellt wor­den, wenn die­ses Ver­fah­ren nicht gezielt in eine ande­re Rich­tung gesteu­ert wor­den wäre.

Der BFH ver­nein­te die rück­wir­ken­de Änder­bar­keit der bestands­kräf­ti­gen Steu­er­fest­set­zun­gen. Der EuGH habe in sei­ner Recht­spre­chung seit dem Emmot-Urteil mehr­fach klar gestellt, dass die Durch­set­zung sei­ner Ent­schei­dun­gen trotz bestands­kräf­ti­ger Steu­er­fest­set­zung nur in sol­chen Aus­nah­me­fäl­len in Betracht kom­me, in denen die Nicht­ein­hal­tung der Kla­ge­frist auf treu­wid­ri­gem Ver­hal­ten der Behör­den beru­he. Grund­sätz­lich kön­ne ein bestands­kräf­ti­ger Ver­wal­tungs­akt zum Zweck der (rück­wir­ken­den) Durch­set­zung von güns­ti­ge­rem Gemein­schafts­recht nur dann geän­dert wer­den, wenn das natio­na­le Recht dies (auf­grund einer ent­spre­chen­den Ände­rungs­vor­schrift) zulas­se. Grund­sätz­lich gehe die Rechts­si­cher­heit vor, die mit der Bestands­kraft einer Ver­wal­tungs­ent­schei­dung ein­tre­te, die nach Ablauf ange­mes­se­ner Kla­ge­fris­ten oder Erschöp­fung des Rechts­wegs ein­ge­tre­ten sei.

In Übri­gen kön­ne –so der BFH– von einer vor­sätz­li­chen Nichtum­set­zung der gemein­schafts­recht­li­chen Befrei­ung nicht die Rede sein, weil bis zum EuGH-Urteil Linneweber/​Akritidis vom 17. Febru­ar 2005 die Rechts­la­ge unge­klärt gewe­sen sei.

1. Ein Betrei­ber von Geld­spiel­au­to­ma­ten kann nicht im Hin­blick auf das EuGH-Urteil vom 17. Febru­ar 2005 Rs. C‑453/​02 und Rs. C‑462/​02 –Lin­ne­we­ber und Akriti­dis– (Slg. 2005, I‑1131) die Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Steu­er­fest­set­zun­gen ver­lan­gen.

2. Die nicht ord­nungs­ge­mä­ße Umset­zung von Art. 13 Teil B Buchst. f der Richt­li­nie 77/​388/​EWG durch § 4 Nr. 9 Buchst. b UStG 1980/​1991/​1993 erfüllt nicht die Vor­aus­set­zun­gen der sog. Emmott'schen Fris­ten­hem­mung i.S. des EuGH-Urteils vom 25. Juli 1991 Rs. C‑208/​90 –Emmott– (Slg. 1991, I‑4269).

Bun­des­fi­nanz­hof, Urtei­le vom 23.11.06 – V R 51/​05

1. Ein Betrei­ber von Geld­spiel­au­to­ma­ten kann nicht im Hin­blick auf das EuGH-Urteil vom 17. Febru­ar 2005 Rs. C‑453/​02 und Rs. C‑462/​02 –Lin­ne­we­ber und Akriti­dis– (Slg. 2005, I‑1131) die Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Steu­er­fest­set­zun­gen ver­lan­gen.

2. Die Ein­spruchs­frist von einem Monat gemäß § 355 Abs. 1 AO 1977 ist gemein­schafts­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

3. Zu den Vor­aus­set­zun­gen eines gemein­schafts­recht­li­chen Voll­zugs­fol­gen­be­sei­ti­gungs- und Erstat­tungs­an­spruchs.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 23.11.06 – V R 67/​05