Kein Ein­spruch ans Finanz­amt – aber Abschrift an den Man­dan­ten

Hat ein Steu­er­be­ra­ter durch Über­sen­dung einer Abschrift eines auf­trags­wid­rig nicht ein­ge­leg­ten Ein­spruchs den Anschein erweckt, der Steu­er­be­scheid, der ange­foch­ten wer­den soll­te, sei nicht in Bestands­kraft erwach­sen, kann er sich bis zur Auf­de­ckung sei­nes Feh­lers und des ein­ge­tre­te­nen Scha­dens auch dann nicht auf die ein­ge­tre­te­ne Ver­jäh­rung des gegen ihn gerich­te­ten Haf­tungs­an­spruchs beru­fen, wenn ihm ein vor­sätz­li­ches Han­deln nicht nach­ge­wie­sen wer­den kann.

Kein Ein­spruch ans Finanz­amt – aber Abschrift an den Man­dan­ten

Die Steu­er­be­ra­te­rin hat ihre ver­trag­li­chen Pflich­ten gegen­über den Man­dan­ten ver­letzt, indem sie es unter­ließ, auf­trags­ge­mäß für die­se Ein­spruch gegen den Fest­stel­lungs­be­scheid ein­zu­le­gen. Dadurch ist der Fest­stel­lungs­be­scheid bestands­kräf­tig gewor­den und hat zu einem Scha­den in Höhe der auf des­sen Grund­la­ge berech­ne­ten Steu­er geführt. Der Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Steu­er­be­ra­ter ver­jährt im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall gemäß der hier noch anwend­ba­ren Vor­schrift des § 68 StBerG aF [1] aller­dings bin­nen drei­er Jah­re ab Ent­ste­hung des Anspruchs. Ent­stan­den ist der Anspruch mit der infol­ge der Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist ein­ge­tre­te­nen Bestands­kraft des Fest­stel­lungs­be­schei­des [2], obwohl die­ser vor­lie­gend noch kei­ne Fest­set­zung ent­hielt, son­dern Besteue­rungs­grund­la­gen selb­stän­dig fest­stell­te, wel­che für die nach­fol­gen­de Steu­er­fest­set­zung gemäß § 182 Abs. 1 AO bin­dend waren [3].

Der Steu­er­be­ra­te­rin ist es jedoch nach Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ver­wehrt, sich auf die ein­ge­tre­te­ne Ver­jäh­rung zu beru­fen.

Ent­ge­gen der Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Hamm [4] kann der Ein­re­de der Ver­jäh­rung (§ 214 Abs. 1 BGB) der Arg­listein­wand nicht nur dann ent­ge­gen­ge­setzt wer­den, wenn der Schuld­ner den Gläu­bi­ger absicht­lich von der Erhe­bung der Kla­ge abge­hal­ten hat [5]. Viel­mehr reicht aus, dass der Schuld­ner durch sein Ver­hal­ten objek­tiv – sei es auch unab­sicht­lich – bewirkt, dass die Kla­ge nicht recht­zei­tig erho­ben wird, und die spä­te­re Ver­jäh­rungs­ein­re­de unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les mit dem Gebot von Treu und Glau­ben unver­ein­bar wäre. Inso­weit ist ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen [6].

Vor­lie­gend fällt der Steu­er­be­ra­te­rin objek­tiv ein beson­ders gro­ber Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben zur Last. Die Steu­er­be­ra­te­rin hat es zunächst ver­säumt, Ein­spruch gegen den Fest­stel­lungs­be­scheid ein­zu­le­gen. Die Man­dan­ten, die eine Abschrift des vor­be­rei­te­ten, aber nicht an das Finanz­amt abge­sand­ten Ein­spruchs­schrei­bens erhal­ten hat­ten, konn­ten jedoch davon aus­ge­hen, dass der Fest­stel­lungs­be­scheid nicht bestands­kräf­tig gewor­den war. In die­sem Glau­ben wur­den sie durch das nach­fol­gen­de Schrei­ben, in wel­chem die Steu­er­be­ra­te­rin ihnen der Wahr­heit zuwi­der dar­leg­te, dass der Fest­stel­lungs­be­scheid vor­läu­fig sei und im Fal­le einer güns­ti­gen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auf­ge­ho­ben wer­de. Der wei­te­re Bescheid, mit wel­chem das Finanz­amt die Ertei­lung eines Vor­läu­fig­keits­ver­merks ablehn­te, weil Bestands­kraft ein­ge­tre­ten sei, wur­de ihnen vor­ent­hal­ten.

Hin­zu kommt, dass sich die Steu­er­be­ra­te­rin gemäß § 278 BGB auch die irre­füh­ren­den Aus­künf­te zurech­nen las­sen muss, wel­che in den fol­gen­den Jah­ren durch die Mit­ar­bei­te­rin Z. den Man­dan­ten erteilt wur­den Nach § 278 Satz 1 BGB hat der Schuld­ner ein Ver­schul­den der Per­so­nen, deren er sich zur Erfül­lung sei­ner Ver­bind­lich­keit bedient, in glei­chem Umfang zu ver­tre­ten wie eige­nes Ver­schul­den. Auf­grund der von der Steu­er­be­ra­te­rin began­ge­nen Ver­trags­ver­let­zun­gen, dem unter­las­se­nen Ein­spruch und der anschlie­ßen­den Irre­füh­rung über die­sen Umstand bestand die zwi­schen ihr und den Man­dan­ten bestehen­den Son­der­rechts­be­zie­hung unab­hän­gig von einer etwai­gen Been­di­gung des Man­dats fort.

Die Man­dan­ten haben vor­lie­gend auch nicht nach Kennt­nis vom Fehl­ver­hal­ten der Steu­er­be­ra­te­rin zu lan­ge gewar­tet, bis sie Kla­ge erho­ben. Der Bun­des­ge­richts­hof hat aller­dings in stän­di­ger Recht­spre­chung ange­nom­men, dass der Gläu­bi­ger einer ver­jähr­ten For­de­rung, der sich auf­grund des Ver­hal­tens sei­nes Schuld­ners dar­auf ver­las­sen durf­te, dass die­ser sich nicht auf Ver­jäh­rung beru­fen wer­de, sei­nen Anspruch bin­nen einer ange­mes­se­nen, nach Treu und Glau­ben zu bestim­men­den Frist gericht­lich gel­tend zu machen hat, wenn der Schuld­ner die Ver­jäh­rungs­ein­re­de schließ­lich doch erhob. Die­se Frist wur­de kurz bemes­sen, denn sie dien­te nur dazu zu ver­hin­dern, dass der Gläu­bi­ger infol­ge einer über­ra­schen­den Wen­dung der Din­ge sei­nen Anspruch noch ver­lor; eine groß­zü­gi­ge Bemes­sung die­ser Frist hät­te im Wider­spruch zum Zweck der bereits ein­ge­tre­te­nen Ver­jäh­rung gestan­den [7].

Den genann­ten Ent­schei­dun­gen lagen jedoch jeweils Fäl­le zugrun­de, in denen unter der Gel­tung des alten Ver­jäh­rungs­rechts, ins­be­son­de­re vor Ein­füh­rung des § 203 BGB, über einen mehr oder weni­ger lan­gen Zeit­raum ver­han­delt oder sogar ein teil­wei­ses Aner­kennt­nis erzielt wor­den war. Die kur­ze Frist wur­de von dem Zeit­punkt der als sol­cher erkenn­ba­ren end­gül­ti­gen Leis­tungs­ver­wei­ge­rung an berech­net. Im Zeit­punkt des Abbruchs von Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen sind den betrof­fe­nen Gläu­bi­gern die ver­meint­lich oder wirk­lich anspruchs­be­grün­den­den Umstän­de längst bekannt, und die gegen­sei­ti­gen Stand­punk­te sind aus­ge­tauscht wor­den. Das war hier jedoch nicht der Fall. Im Novem­ber 2010 war den Man­dan­ten ledig­lich mit­ge­teilt wor­den, dass der Ein­spruch ver­se­hent­lich nicht abge­sandt wor­den war. Erst auf Nach­fra­gen ihrer anwalt­li­chen Bevoll­mäch­tig­ten gemäß Schrei­ben vom 23.02.2011 erfuh­ren sie, dass die Steu­er­be­ra­te­rin bereits seit dem 11.08.2003 von dem unter­blie­be­nen Ein­spruch wuss­te. Erst die­se Infor­ma­ti­on ermög­lich­te ihnen, das Ver­hal­ten der Beklag­ten als arg­lis­tig zu bewer­ten und den an sich ver­jähr­ten Ein­spruch mit Aus­sicht auf Erfolg ein­zu­kla­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Novem­ber 2013 – IX ZR 215/​12

  1. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 24.01.2013 – IX ZR 108/​12, WM 2013, 940 Rn. 8[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.10.2010 – IX ZR 170/​09, WM 2010, 2284 Rn. 11[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.2013, aaO Rn. 9[]
  4. OLG Hamm, Urteil vom 06.07.2012 – 25 U 2/​12[]
  5. BGH, Urteil vom 03.02.1953 – I ZR 61/​52, BGHZ 1, 5; vom 14.02.1978 – X ZR 19/​76, BGHZ 71, 86, 96; vom 12.06.2002 – VIII ZR 187/​01, NJW 2002, 3110 f; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, NJW 2008, 2776 Rn. 31; RGZ 153, 101, 107 f[]
  6. BGH, Urteil vom 01.10.1987 – IX ZR 202/​86, WM 1988, 127, 128; vom 29.02.1996 – IX ZR 180/​95, ZIP 1996, 791, 793; Beschluss vom 20.11.2008 – IX ZR 145/​06, nv, Rn. 2; Bamberger/​Roth/​Henrich, BGB, 3. Aufl., § 214 Rn. 9; Chab in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl., Rn. 1447[]
  7. BGH, Urteil vom 20.01.1976 – VI ZR 15/​74, VersR 1976, 565; vom 06.12 1990 – VII ZR 126/​90, NJW 1991, 974, 975; vom 04.11.1997 – VI ZR 375/​96, NJW 1998, 902, 903 f; Bamberger/​Roth/​Henrich, aaO § 214 Rn. 12; Chab, aaO Rn. 1448[]