Gericht­li­che Auf­klä­rungs­pflich­ten im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Gemäß § 57 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW erhebt das Gericht die erfor­der­li­chen Bewei­se. Dem­nach hat es grund­sätz­lich selbst die­je­ni­gen Tat­sa­chen fest­zu­stel­len, die für den Nach­weis des Dienst­ver­ge­hens und die Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me von Bedeu­tung sind. Ent­spre­chend § 86 Abs. 1 VwGO folgt dar­aus die Ver­pflich­tung, die­je­ni­gen Maß­nah­men der Sach­auf­klä­rung zu ergrei­fen, die sich nach Lage der Din­ge auf­drän­gen.

Gericht­li­che Auf­klä­rungs­pflich­ten im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Die­se Auf­klä­rungs­pflicht wird durch § 56 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW aber ein­ge­schränkt. Danach sind die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, das den­sel­ben Sach­ver­halt zum Gegen­stand hat, für das Gericht bin­dend. Eine eigen­stän­di­ge Ermitt­lungs­tä­tig­keit ist inso­weit nicht zuläs­sig 1.

Nach Satz 2 hat das Gericht jedoch die erneu­te Prü­fung sol­cher Fest­stel­lun­gen zu beschlie­ßen, die offen­kun­dig unrich­tig sind. Die ange­ord­ne­te Bin­dungs­wir­kung dient der Rechts­si­cher­heit. Sie soll ver­hin­dern, dass zu ein- und dem­sel­ben Gesche­hens­ab­lauf unter­schied­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen durch staat­li­che Gerich­te getrof­fen wer­den.

Daher sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te nur dann berech­tigt und ver­pflich­tet, sich von den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils zu lösen und den dis­zi­pli­nar­recht­lich bedeut­sa­men Sach­ver­halt eigen­ver­ant­wort­lich zu ermit­teln, wenn sie ansons­ten "sehen­den Auges" auf der Grund­la­ge eines unrich­ti­gen oder aus rechts­staat­li­chen Grün­den unver­wert­ba­ren Sach­ver­halts ent­schei­den müss­ten. Dies ist etwa der Fall, wenn die Fest­stel­lun­gen in einem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punkt unter offen­kun­di­ger Ver­let­zung wesent­li­cher Ver­fah­rens­vor­schrif­ten zustan­de gekom­men sind. Dar­über hin­aus ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung, wenn Beweis­mit­tel ein­ge­führt wer­den, die dem Straf­ge­richt nicht zur Ver­fü­gung stan­den und nach denen sei­ne Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zumin­dest auf erheb­li­che Zwei­fel sto­ßen 2.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Novem­ber 2014 – 2 B 45.2014 -

  1. BT-Drs. 14/​4659 S. 41[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 29.11.2000 – 1 D 13.99, BVerw­GE 112, 243, 245 = Buch­holz 235 § 18 BDO Nr. 2 S. 5 f.; und vom 16.03.2004 – 1 D 15.03, Buch­holz 232 § 54 Satz 3 BBG Nr. 36 S. 81 f.; Beschlüs­se vom 24.07.2007 – 2 B 65.07, Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr. 4 Rn. 11; vom 26.08.2010 – 2 B 43.10, Buch­holz 235.1 § 57 BDG Nr. 3 Rn. 5; vom 15.03.2013 – 2 B 22.12 6 f. sowie vom 11.02.2014 – 2 B 37.12 38[]
  3. vom 29.06.2004, GVBl. S. 263[]