Kei­ne Dub­lin-Über­stel­lung nach Ungarn

Ein Asyl­an­trag­stel­ler darf wegen sys­te­mi­scher Män­gel nicht nach Ungarn zur Durch­füh­rung eines Asyl­ver­fah­rens über­stellt wer­den.

Kei­ne Dub­lin-Über­stel­lung nach Ungarn

In dem hier vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in Mann­heim ent­schie­de­nen Fall war der allein ste­hen­de syri­sche Asyl­an­trag­stel­ler im Jah­re 2014 u.a. über Ungarn in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­reist und hat­te hier einen Asyl­an­trag gestellt. Auf ein ent­spre­chen­des Ersu­chen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat­te der an sich zustän­di­ge Mit­glied­staat Ungarn im Rah­men des Dub­lin-Mecha­nis­mus einer Über­stel­lung des Asyl­an­trag­stel­lers zur Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zuge­stimmt. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge hat­te dar­auf­hin den Asyl­an­trag des Asyl­an­trag­stel­lers als unzu­läs­sig abge­lehnt und des­sen Abschie­bung nach Ungarn ange­ord­net.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Sig­ma­rin­gen hat­te im März die­ses Jah­res den ange­foch­te­nen Bescheid im Hin­blick auf aktu­ell bestehe erheb­li­che Män­gel des unga­ri­schen Asyl­sys­tems, die zur Fol­ge hät­ten, dass der Asyl­an­trag­stel­ler im Fal­le sei­ner Über­stel­lung nach Ungarn einer unmensch­li­chen bzw. ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­setzt sein wür­de, auf­ge­ho­ben. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Mann­heim hat nun die Beru­fung des Bun­de­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge zurück­ge­wie­sen:

Dabei hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof – anders als das Ver­wal­tungs­ge­richt – dar­auf abge­stellt, dass schon im Jah­re 2014, als der Asyl­an­trag­stel­ler nach Ungarn ein­ge­reist war und sodann den Asyl­an­trag in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gestellt hat­te, das unga­ri­sche Abschie­bungs­haft­sys­tem in recht­li­cher wie auch tat­säch­li­cher Hin­sicht in so erheb­li­chem Maße män­gel­be­haf­tet gewe­sen sei, dass es dem Asyl­an­trag­stel­ler nicht zumut­bar gewe­sen sei, in Ungarn ein Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren, weil er ein beacht­li­ches Risi­ko gelau­fen wäre, will­kür­lich inhaf­tiert zu wer­den, ohne sich hier­ge­gen effek­tiv zur Wehr set­zen zu kön­nen. Hin­zu sei gekom­men, dass die Unter­brin­gungs­be­din­gun­gen in den Haft­an­stal­ten teil­wei­se in bau­li­cher wie hygie­ni­scher Hin­sicht sehr schlecht gewe­sen sei­en. Schließ­lich sei die Behand­lung durch das Anstalts­per­so­nal durch beson­de­re Här­te und Bru­ta­li­tät geprägt gewe­sen. Jeden­falls aus einer Gesamt­schau aller Aspek­te erge­be sich, dass der Asyl­an­trag­stel­ler mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit damit habe rech­nen müs­sen, im Fal­le der Stel­lung eines Asyl­an­trags in Ungarn unmensch­lich bzw. ernied­ri­gend behan­delt zu wer­den. Infol­ge des­sen sei die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit der Ein­rei­se und der Asyl­an­trag­stel­lung zustän­di­ger Mit­glied­staat gewor­den, nach­dem es kei­nen wei­te­ren nach dem Dub­lin-Mecha­nis­mus (vor­ran­gig) zustän­di­gen Mit­glied­staat mehr gege­ben habe. Selbst wenn sich die Ver­hält­nis­se in Ungarn mitt­ler­wei­le ver­bes­sert hät­ten, wäre dadurch die Zustän­dig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht ent­fal­len.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 5. Juli 2016 – A 11 S 974/​16