Der vor­ver­leg­te Flug – und die Aus­gleichs­zah­lung

Auch bei einem vor­ver­leg­ten Flug­be­ginn besteht für die Flug­gäs­te ein Anspruch auf Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung 1.

Der vor­ver­leg­te Flug – und die Aus­gleichs­zah­lung

In dem jetzt beim Bun­des­ge­richts­hof been­de­ten Rechts­streit hat­te die kla­gen­den Flug­pas­sa­gie­re bei dem beklag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men Flü­ge von Düs­sel­dorf nach Fuer­te­ven­tu­ra und zurück gebucht. Der Rück­flug soll­te am 5.11.2012 um 17.25 Uhr durch­ge­führt wer­den. Am 2.11.2012 infor­mier­te die Flug­ge­sell­schaft die Klä­ger, dass der Flug auf 8.30 Uhr vor­ver­legt wor­den sei. Dar­auf­hin begehr­ten die Flug­pas­sa­gie­re Aus­gleichs­zah­lun­gen in Höhe von jeweils 400 € nach Art. 5 Abs. 1 Buchst. c i.V.m. Art. 7 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung. Ihrer Ansicht nach begrün­de die Vor­ver­le­gung des Flu­ges um etwa 9 Stun­den eine Ver­pflich­tung der Flug­ge­sell­schaft zur Aus­gleich­zah­lung, weil die Flug­zeit­än­de­rung eine Annul­lie­rung gewe­sen sei, zumin­dest aber einer deut­li­chen Ver­spä­tung im Sin­ne der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on gleich­ge­stellt wer­den müs­se.

In den Vor­in­stan­zen ist die Kla­ge vor dem Amts­ge­richt 2 und dem Land­ge­richt Han­no­ver 3 erfolg­los geblie­ben. Das Land­ge­richt Han­no­ver sah in der Vor­ver­le­gung des Flu­ges kei­ne Annul­lie­rung gemäß Art. 5 Abs. 1 Buchst. c i.V.m. Art. 2 Buchst. l der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung und lehn­te auch eine ana­lo­ge Anwen­dung der Vor­schrif­ten wie im Fal­le der gro­ßen Ver­spä­tung eines Flu­ges ab.

Anders sah dies nun der Bun­des­ge­richts­hof. Nach sei­ner vor­läu­fi­gen Bewer­tung in der gest­ri­gen münd­li­chen Ver­hand­lung sah der Bun­des­ge­richts­hof in einer mehr als gering­fü­gi­gen Vor­ver­le­gung eines geplan­ten Flu­ges durch das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men eine – mit dem Ange­bot einer ander­wei­ti­gen Beför­de­rung ver­bun­de­ne – Annul­lie­rung des Flu­ges, die einen Aus­gleichs­an­spruch nach Art. 7 Abs. 1 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung begrün­den kann.

Für eine Annul­lie­rung ist kenn­zeich­nend, dass das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men sei­ne ursprüng­li­che Flug­pla­nung end­gül­tig auf­gibt, auch wenn die Pas­sa­gie­re auf einen ande­ren Flug ver­legt wer­den. Dies ist durch die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 4 geklärt, die zur Abgren­zung des Tat­be­stands der Annul­lie­rung vom Tat­be­stand der gro­ßen Ver­spä­tung ent­wi­ckelt wor­den ist. Die ursprüng­li­che Flug­pla­nung wird auch dann auf­ge­ge­ben, wenn ein Flug – wie im Streit­fall – um meh­re­re Stun­den "vor­ver­legt" wird.

Nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung hat die Flug­ge­sell­schaft sodann den gegen sie gel­tend gemach­ten Anspruch aner­kannt, so dass auf Antrag der Klä­ger ledig­lich ein Aner­kennt­nis­ur­teils erging.

Bun­des­ge­richts­hof, Aner­kennt­nis­ur­teil vom 9. Juni 2015 – X ZR 59/​14

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 261/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11.02.2004 über eine gemein­sa­me Rege­lung für Aus­gleichs- und Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen für Flug­gäs­te im Fall der Nicht­be­för­de­rung und bei Annul­lie­rung oder gro­ßer Ver­spä­tung von Flü­gen[]
  2. AG Han­no­ver, Urteil vom 03.12 2013 – 561 C 3773/​13[]
  3. LG Han­no­ver, Urteil vom 04.06.2014 – 6 S 4/​14[]
  4. EuGH, Urteil vom 19.11.2009 – C402/​07, Slg. 2009, I10923 = NJW 2010, 43 = RRa 2009, 282 – Sturgeon/​Condor; Urteil vom 13.10.2011 – C83/​10, Slg. 2011, I9488 = NJW 2011, 3776 = RRa 2011, 282 – Sou­sa Rodríguez/​Air Fran­ce[]