Aus­gleichs­an­spruch des Ver­trags­händ­lers trotz Grün­den zur frist­lo­sen Kün­di­gung?

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten Fra­gen zur Aus­le­gung der Han­dels­ver­tre­ter-Richt­li­nie gemäß Art. 234 EG zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt. Die­se Aus­le­gungs­fra­gen erga­ben sich im Rah­men eines Rechts­streits um den Aus­gleichs­an­spruch eines frist­ge­recht gekün­dig­ten Ver­trags­händ­lers, gegen den sich wäh­rend der Kün­di­gungs­frist Grün­de für eine frist­lo­se Kün­di­gung erge­ben haben.

Aus­gleichs­an­spruch des Ver­trags­händ­lers trotz Grün­den zur frist­lo­sen Kün­di­gung?

Ist Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie 86/​653/​EWG des Rates vom 18. Dezem­ber 1986 zur Koor­di­nie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten betref­fend die selb­stän­di­gen Han­dels­ver­tre­ter dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass er einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen­steht, nach der der Aus­gleichs­an­spruch des Han­dels­ver­tre­ters auch im Fal­le einer ordent­li­chen Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer nicht besteht, wenn ein wich­ti­ger Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung des Ver­tra­ges wegen schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters im Zeit­punkt der ordent­li­chen Kün­di­gung zwar vor­lag, die­ser aber für die Kün­di­gung nicht ursäch­lich war?

Falls eine sol­che natio­na­le Rege­lung mit der Richt­li­nie ver­ein­bar ist:
Steht Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie einer ent­spre­chen­den Anwen­dung der natio­na­len Rege­lung über den Aus­schluss des Aus­gleichs­an­spruchs auf den Fall ent­ge­gen, dass ein wich­ti­ger Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung des Ver­tra­ges wegen schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters erst nach Aus­spruch der ordent­li­chen Kün­di­gung ein­trat und dem Unter­neh­mer erst nach Ver­trags­be­en­di­gung bekannt wur­de, so dass er eine wei­te­re, auf das schuld­haf­te Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters gestütz­te frist­lo­se Kün­di­gung des Ver­tra­ges nicht mehr aus­spre­chen konn­te?

Die Ent­schei­dung über den Aus­gleichs­an­spruch des Ver­trags­händ­lers hängt von der Beant­wor­tung der Fra­ge ab, ob der in § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB gere­gel­te, auf Ver­trags­händ­ler ent­spre­chend anzu­wen­den­de Aus­schluss­tat­be­stand nur dann ein­greift, wenn ein schuld­haf­tes Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters oder Ver­trags­händ­lers, das eine frist­lo­se Been­di­gung des Ver­tra­ges recht­fer­tigt, für die Kün­di­gung des Unter­neh­mers ursäch­lich gewor­den ist, oder ob der Aus­schluss­tat­be­stand auch dann (ent­spre­chen­de) Anwen­dung fin­det, wenn im Fal­le einer ordent­li­chen Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer ein wich­ti­ger Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung erst nach Aus­spruch der ordent­li­chen Kün­di­gung ein­ge­tre­ten ist, dem Unter­neh­mer aber erst nach Ver­trags­be­en­di­gung bekannt wur­de, so dass er eine wei­te­re, auf das schuld­haf­te Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters oder Ver­trags­händ­lers gestütz­te Kün­di­gung des Ver­tra­ges nicht mehr aus­spre­chen konn­te. Dies hängt von der Aus­le­gung von Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie 86/​653/​EWG des Rates vom 18. Dezem­ber 1986 zur Koor­di­nie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten betref­fend die selb­stän­di­gen Han­dels­ver­tre­ter [1] ab. Zwar regelt die Richt­li­nie unmit­tel­bar nur das Recht der Han­dels­ver­tre­ter, nicht das der Ver­trags­händ­ler. Da aber das Han­dels­ver­tre­ter­recht nach deut­schem Recht auf das Rechts­ver­hält­nis der Ver­trags­händ­ler ent­spre­chend anzu­wen­den ist, kommt es für die Ent­schei­dung über den Aus­gleichs­an­spruch der Klä­ge­rin als Ver­trags­händ­le­rin dar­auf an, wel­che Aus­wir­kun­gen die Richt­li­nie auf die Aus­le­gung und Anwen­dung der han­dels­ver­tre­ter­recht­li­chen Bestim­mung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB hat.

Nach dem natio­na­len deut­schen Recht (§ 89b Abs. 1 Satz 1 HGB) kann der Han­dels­ver­tre­ter von dem Unter­neh­mer nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen einen ange­mes­se­nen Aus­gleich ver­lan­gen. § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB bestimmt, dass die­ser Anspruch nicht besteht, wenn der Unter­neh­mer das Ver­trags­ver­hält­nis gekün­digt hat und für die Kün­di­gung ein wich­ti­ger Grund wegen schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters vor­lag. Der Wort­laut der Vor­schrift ver­langt nicht, dass der Unter­neh­mer das Ver­trags­ver­hält­nis mit dem Han­dels­ver­tre­ter wegen eines schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters frist­los gekün­digt hat. Ein wich­ti­ger Grund, der eine frist­lo­se Kün­di­gung gerecht­fer­tigt hät­te, muss im Zeit­punkt der Kün­di­gung ledig­lich objek­tiv vor­ge­le­gen haben. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof im Jahr 1963 zu § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF), der wort­glei­chen Vor­gän­ger­be­stim­mung zu § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB, ent­schie­den, durch die For­mu­lie­rung sei klar­ge­stellt, dass der wich­ti­ge Grund bei der Kün­di­gung nicht ange­ge­ben wer­den müs­se. Dar­über hin­aus sei auch nicht erfor­der­lich, dass der wich­ti­ge Grund für die Kün­di­gung des Unter­neh­mers ursäch­lich gewe­sen sei. Für die Kün­di­gung des Unter­neh­mers genü­ge es, dass der Kün­di­gungs­grund im Zeit­punkt der Kün­di­gung objek­tiv vor­ge­le­gen habe; es sei nicht erfor­der­lich, dass der Unter­neh­mer sich schon bei der Kün­di­gung auf ihn beru­fen habe oder dass er ihm über­haupt bekannt gewe­sen sei [2].

In einem wei­te­ren Urteil aus dem Jahr 1967 hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass Sinn und Zweck des § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift in Fäl­len erfor­der­ten, in denen der Unter­neh­mer frist­ge­recht gekün­digt und der Han­dels­ver­tre­ter danach, jedoch vor Ver­trags­en­de, sich eines Ver­hal­tens schul­dig gemacht habe, das eine frist­lo­se Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer gerecht­fer­tigt hät­te, von dem die­ser aber erst nach Ver­trags­en­de erfah­ren habe. In der genann­ten Vor­schrift kom­me der Wil­le des Geset­zes zum Aus­druck, dass der Aus­gleichs­an­spruch bei einer Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer ent­fal­le, wenn gegen den Han­dels­ver­tre­ter ein wich­ti­ger Kün­di­gungs­grund aus schuld­haf­tem Ver­hal­ten vor­ge­le­gen habe. Es sei nicht ein­zu­se­hen, war­um in sol­chen Fäl­len der Unter­neh­mer schlech­ter und der Han­dels­ver­tre­ter bes­ser gestellt sein soll­te, in denen das schuld­haf­te Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters erst in den Zeit­raum nach Aus­spruch einer frist­ge­rech­ten Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer, aber vor Ablauf der Kün­di­gungs­frist fal­le. Denn auch wenn der Ver­trag gekün­digt sei, blie­ben die Par­tei­en bis zu sei­ner Been­di­gung an ihn gebun­den. Erfah­re der Unter­neh­mer vor Ver­trags­en­de von dem nach­träg­lich ent­stan­de­nen wich­ti­gen Kün­di­gungs­grund, habe er noch Gele­gen­heit, die­sen Grund zum Anlass einer neu­en Kün­di­gung zu neh­men. Erfah­re er davon erst nach der infol­ge der frist­ge­rech­ten Kün­di­gung ein­ge­tre­te­nen Ver­trags­be­en­di­gung, bestehe für ihn kei­ne Kün­di­gungs­mög­lich­keit mehr. Min­des­tens in einem sol­chen Fall sei die ent­spre­chen­de Anwen­dung von § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) gebo­ten [3].

Es ist frag­lich, ob der Wort­laut des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB und eine Aus­le­gung und ana­lo­ge Anwen­dung die­ser Bestim­mung ent­spre­chend der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu der wort­glei­chen Vor­gän­ger­be­stim­mung in § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) mit Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie ver­ein­bar sind. Nach Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie besteht der Anspruch auf Aus­gleich nach Art. 17 der Richt­li­nie nur dann nicht, wenn der Unter­neh­mer den Ver­trag „wegen“ [4] eines schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters been­det hat, das auf­grund der ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten eine frist­lo­se Been­di­gung des Ver­tra­ges recht­fer­tigt. Der Wort­laut der Richt­li­nie fasst die Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­schluss des Aus­gleichs­an­spruchs damit enger als § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB. Dies wirft die Fra­ge der Ver­ein­bar­keit von § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB mit Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie auf und, sofern die­se zu beja­hen sein soll­te, die wei­te­re Fra­ge, ob an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zur ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB im Hin­blick auf Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie fest­ge­hal­ten wer­den kann.

Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat in der Begrün­dung des Regie­rungs-ent­wurfs zum Gesetz zur Durch­füh­rung der EG-Richt­li­nie zur Koor­di­nie­rung des Rechts der Han­dels­ver­tre­ter vom 23. Okto­ber 1989 [5] aus­ge­führt, die Richt­li­nie leh­ne sich in ihren Grund­zü­gen weit­ge­hend an die (dama­li­gen) Rege­lun­gen des Han­dels­ge­setz­buchs an, so dass sich die erfor­der­li­chen Anpas­sun­gen des deut­schen Rechts in den meis­ten Punk­ten auf Details beschränk­ten [6]. In der von § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) abwei­chen­den For­mu­lie­rung in Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie hat der deut­sche Gesetz­ge­ber kei­nen Unter­schied im sach­li­chen Rege­lungs­ge­halt gegen­über dem in Deutsch­land bereits seit lan­ger Zeit gel­ten­den Recht gese­hen. Er ist der Auf­fas­sung gewe­sen, dass sich inso­weit an der Rechts­la­ge in Deutsch­land durch die Richt­li­nie nichts geän­dert habe. Dem­entspre­chend wur­de die Bestim­mung des § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) im Zuge der Umset­zung der Richt­li­nie – inhalt­lich unver­än­dert – als § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB bei­be­hal­ten [7].

Nach einer im deut­schen rechts­wis­sen­schaft­li­chen Schrift­tum ver­brei­te­ten Ansicht ist dage­gen der Wort­laut des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB zu weit gefasst. Ins­be­son­de­re wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, nach der die Kün­di­gung des Unter­neh­mers nicht auf dem schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters zu beru­hen brau-che, Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie wider­spre­che. § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB sei nach dem Gebot richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung ein­schrän­kend dahin aus­zu­le­gen, dass ein Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen dem schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters und der Kün­di­gung bestehen müs­se; eine ana­lo­ge Anwen­dung der Vor­schrift, wie sie der Bun­des­ge­richts­hof bis­her prak­ti­ziert habe, sei nicht mehr zuläs­sig. Habe der Unter­neh­mer die Kennt­nis von dem schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters erst nach Ver­trags­be­en­di­gung erlangt, so dass er nicht mehr wegen die­ses Ver­hal­tens kün­di­gen kön­ne, sei das Ver­hal­ten nur noch im Rah­men der Bil­lig­keits­prü­fung nach § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB zu berück­sich­ti­gen [8]. Die­ser Auf­fas­sung haben sich inzwi­schen eini­ge Ober­ge­rich­te ange­schlos­sen [9].

Der BGH hält für klä­rungs­be­dürf­tig, ob der Wort­laut des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB im Hin­blick auf Art. 18 Buchst. a Richt­li­nie zu weit gefasst ist und ob aus die­sem Grund die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Aus­le­gung und ana­lo­gen Anwen­dung des § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) nicht auf die heu­te gel­ten­de, inhalt­lich unver­än­dert geblie­be­ne Vor­schrift in § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB über­tra­gen wer­den kann.

Die Ver­ein­bar­keit des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB und der zu die­ser Bestim­mung ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs mit Art. 18 Buchst. a Richt­li­nie erscheint trotz des enge­ren Wort­lauts der Richt­li­nie nicht aus­ge­schlos­sen. Dafür spre­chen nicht nur die in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en doku­men­tier­te Auf­fas­sung des deut­schen Gesetz­ge­bers bei der Umset­zung der Richt­li­nie in das deut­sche Han­dels­ver­tre­ter­recht, son­dern auch die Vor­ar­bei­ten zur Richt­li­nie selbst.

Die Erwä­gungs­grün­de der Richt­li­nie, die in den Bezugs­ver­mer­ken der Richt­li­nie genann­ten Vor­schlä­ge der Kom­mis­si­on [10] sowie die Stel­lung­nah­men des Euro­päi­schen Par­la­ments [11] und des Wirt­schafts- und Sozi­al­aus­schus­ses [12] ent­hal­ten kei­ne Aus­füh­run­gen, die hin­sicht­lich des in § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB gere­gel­ten Aus­schluss­tat­be­stan­des der Auf­fas­sung des deut­schen Gesetz­ge­bers vom Ein­klang der Richt­li­nie mit dem damals bereits gel­ten­den deut­schen Recht wider­spre­chen. Viel­mehr soll­te nach der – in den vor­ge­nann­ten Stel­lung­nah­men nicht bean­stan­de­ten – ursprüng­li­chen For­mu­lie­rung des Aus­schluss­tat­be­stands in Art. 31 Buchst. a) der bei­den Kom­mis­si­ons­vor­schlä­ge ein Aus­gleichs­an­spruch nicht nur dann nicht bestehen, „wenn der Unter­neh­mer den Ver­trag nach Arti­kel 27 Absatz 1 Buch­sta­be a) gekün­digt hat“, son­dern auch dann, wenn er ihn aus die­sem Grund „hät­te kün­di­gen kön­nen“ [13]. Art. 27 Buchst. a) der Kom­mis­si­ons­vor­schlä­ge regel­te das Recht zur Kün­di­gung wegen – so die Fas­sung des zwei­ten Vor­schlags – „eines grob ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens oder einer gro­ben Ver­trags­ver­let­zung“. Die For­mu­lie­rung des Aus­schluss­tat­be­stands in Art. 31 Buchst. a der Kom­mis­si­ons­vor­schlä­ge ent­spricht im ent­schei­den­den Punkt der oben dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum damals bereits gel­ten­den deut­schen Recht. Aus der wei­te­ren Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Richt­li­nie sind kei­ne Anhalts­punk­te dafür zu erken­nen, dass mit der end­gül­ti­gen For­mu­lie­rung des Aus­schluss­tat­be­stands in Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie ein von Art. 31 Buchst. a der Kom­mis­si­ons­vor­schlä­ge abwei­chen­der Rege­lungs­ge­halt beab­sich­tigt wor­den wäre. Es erscheint des­halb als nicht fern lie­gend, dass der enge­ren For­mu­lie­rung in Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie nicht die Bedeu­tung zukommt, die das rechts­wis­sen­schaft­li­che Schrift­tum in Deutsch­land der For­mu­lie­rung des Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie ent­nimmt.
Die Erwä­gun­gen, die der zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum Aus­schluss­tat­be­stand des § 89b Abs. 3 Satz 2 HGB (aF) – jetzt: § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB – zugrun­de lie­gen, hält der BGH wei­ter­hin für über­zeu­gend. Wenn der Unter­neh­mer das Ver­trags­ver­hält­nis (ordent­lich) gekün­digt, aber erst nach Ver­trags­be­en­di­gung von einem zur Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund berech­ti­gen­den schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters Kennt­nis erlangt hat, so dass er nicht wegen die­ses Ver­hal­tens kün­di­gen konn­te, ist der Han­dels­ver­tre­ter eben­so wenig schutz­wür­dig, wie wenn der Unter­neh­mer von dem Ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters noch wäh­rend der Ver­trags­zeit erfah­ren und dar­auf­hin das Ver­trags­ver­hält­nis wegen die­ses Ver­hal­tens tat­säch­lich gekün­digt hät­te. Dabei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass gera­de nach einer ordent­li­chen Kün­di­gung durch den Unter­neh­mer eine gewis­se Gefahr bestehen kann, dass der Han­dels­ver­tre­ter die bis zum Ver­trags­en­de noch ver­blei­ben­de Zeit nutzt, um sich unge­recht­fer­tig­te Vor­tei­le zu ver­schaf­fen, und es dabei zu schuld­haf­ten Ver­hal­tens­wei­sen kommt, von denen der Unter­neh­mer bis zur Ver­trags­be­en­di­gung nichts erfährt, die ihn aber zur Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund berech­tigt hät­ten, wenn sie ihm frü­her bekannt gewor­den wären.

Der BGH ver­kennt nicht, dass ein schuld­haf­tes Fehl­ver­hal­ten des Han­dels­ver­tre­ters, das für die Kün­di­gung nicht ursäch­lich war, auch nach der im Schrift­tum gefor­der­ten, enge­ren Aus­le­gung des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB nicht bedeu­tungs­los ist, son­dern noch im Rah­men der all­ge­mei­nen Bil­lig­keits­prü­fung nach § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB berück­sich­tigt wer­den kann. Aller­dings ist des­sen Berück­sich­ti­gung im Rah­men der Bil­lig­keits­prü­fung mit dem zwin­gen­den Aus­schluss­tat­be­stand des § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB nicht ver­gleich­bar. Die Bil­lig­keits­prü­fung kann zwar dazu füh­ren, dass das Gericht einen voll­stän­di­gen Aus­schluss des Aus­gleichs­an­spruchs für gerecht­fer­tigt hält [14]. Die­se Rechts­fol­ge ist aber nicht zwin­gend, denn die all­ge­mei­ne Bil­lig­keits­prü­fung eröff­net dem Gericht einen wei­ten Beur­tei­lungs­spiel­raum. Einen sol­chen gericht­li­chen Beur­tei­lungs­spiel­raum haben der deut­sche und der euro­päi­sche Gesetz­ge­ber für den Fall eines schwer­wie­gen­den schuld­haf­ten Fehl­ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters nicht gewollt und des­halb den zwin­gen­den Aus­schluss­tat­be­stand in § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB und Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie geschaf­fen, bei dem es sich um eine gesetz­li­che und damit für die Rechts­an­wen­dung ver­bind­li­che Kon­kre­ti­sie­rung von Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen han­delt [15]. Aus­schlag­ge­bend dafür, dass § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB und Art. 18 Buchst. a der Richt­li­nie den Aus­schluss des Aus­gleichs­an­spruchs zwin­gend anord­nen, ist der Umstand, dass sich der Han­dels­ver­tre­ter wäh­rend des bestehen­den Ver­trags­ver­hält­nis­ses ein schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten hat zu Schul­den kom­men las­sen, das eine frist­lo­se Kün­di­gung recht­fer­tigt. Ob dem Unter­neh­mer die­ser Kün­di­gungs­grund recht­zei­tig bekannt gewor­den ist, so dass er das Ver­trags­ver­hält­nis „wegen“ des Fehl­ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters frist­los kün­di­gen konn­te, hat für die sach­li­che Recht­fer­ti­gung des Aus­schluss­tat­be­stands nach Auf­fas­sung des BGH nur unter­ge­ord­ne­te Bedeu­tung. Der zwin­gen­de Aus­schluss des Aus­gleichs­tat­be­stands kann nicht davon abhän­gen, ob es dem Han­dels­ver­tre­ter gelingt, sein Fehl­ver­hal­ten bis zur Ver-trags­be­en­di­gung zu ver­heim­li­chen. Denn der Han­dels­ver­tre­ter, dem dies gelingt, ist eben­so wenig schutz­wür­dig wie der Han­dels­ver­tre­ter, des­sen Fehl­ver­hal­ten recht­zei­tig auf­ge­deckt wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. April 2009 – VIII ZR 226/​07

  1. ABl. EG Nr. L 382, S. 17[]
  2. BGHZ 40, 13, 15 f.[]
  3. BGHZ 48, 222, 224 ff.[]
  4. eng­lisch: „becau­se of“; fran­zö­sisch: „pour“[]
  5. BGBl. I S. 1910[]
  6. BT-Drs. 11/​3077, S. 6[]
  7. BT-Drs. 11/​3077, S. 9, und BT-Drs. 11/​4559, S. 9 f.[]
  8. Cana­ris, Han­dels­recht, 24. Aufl., § 15 Rdnr. 119; Thu­me in: Küstner/​Thume, Hand­buch des gesam­ten Außen­dienst­rechts, Band 2, 8. Aufl., Kap. XI Rdnr. 159; ders. in: Röhricht/​Graf von West­pha­len, HGB, 3. Aufl., § 89b Rdnr. 140; MünchKommHGB/​von Hoy­nin­gen-Hue­ne, 2. Aufl., § 89b Rdnr. 173; Löwisch in: Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 89b Rdnr. 63; Hopt, Han­dels­ver­tre­ter­recht, 3. Aufl., § 89b Rdnr. 66; ders. in: Baumbach/​Hopt, HGB, 33. Aufl., § 89b Rdnr. 66; Roth in: Koller/​Roth/​Morck, HGB, 6. Aufl., § 89b Rdnr. 17; Fischer, ZVglR­Wiss 2002, 143, 156 f.[]
  9. OLG Koblenz, NJW-RR 2007, 1044 f[]
  10. ABl. EG Nr. C 13 vom 18. Janu­ar 1977, S. 2 und ABl. EG Nr. C 56 vom 2. März 1979, S. 5[]
  11. ABl. EG Nr. C 239 vom 9. Ok-tober 1978, S. 17[]
  12. ABl. EG Nr. C 59 vom 8. März 1978, S. 31[]
  13. eng­lisch: „could have ter­mi­na­ted“; fran­zö­sisch: „aurait pu mett­re fin“[]
  14. vgl. Münch-KommHGB/­von Hoy­nin­gen-Hue­ne, aaO, § 89b Rdnr. 98 f. m.w.N.[]
  15. vgl. BGHZ 171, 192, 199 m.w.N.[]