Til­gungs­rei­fe Vor­ver­ur­tei­lun­gen – und die Anord­nung einer Maß­re­gel

Gemäß § 51 Abs. 1 BZRG darf dem Ange­klag­ten eine Tat und die ent­spre­chen­de Ver­ur­tei­lung im Rechts­ver­kehr nicht mehr vor­ge­hal­ten und nicht zu sei­nem Nach­teil ver­wer­tet wer­den, wenn die Ein­tra­gung über die Ver­ur­tei­lung im Regis­ter bereits getilgt wor­den oder zu til­gen ist.

Til­gungs­rei­fe Vor­ver­ur­tei­lun­gen – und die Anord­nung einer Maß­re­gel

Durch die­se Rege­lung wird ein Ver­ur­teil­ter von dem mit sei­ner Ver­ur­tei­lung ver­bun­de­nen Straf­ma­kel befreit und durch die umfas­sen­de Wir­kung der Til­gung die mit der Ver­ur­tei­lung ein­her­ge­hen­de Stig­ma­ti­sie­rung end­gül­tig besei­tigt.

Das Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­ver­bot der Ein­tra­gung im Regis­ter bedeu­tet einen Schutz des Ange­klag­ten auch in den Fäl­len, in denen sei­ne frü­he­re Ver­ur­tei­lung auf ande­re Wei­se als durch eine Regis­ter­aus­kunft bekannt wird, etwa durch Mit­tei­lun­gen von drit­ter Sei­te oder den Ange­klag­ten selbst1.

Die­ses Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­ver­bot des § 51 Abs. 1 BZRG gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes für die Straf­zu­mes­sung; danach darf eine getilg­te oder til­gungs­rei­fe Vor­stra­fe nicht zum Nach­teil des Ange­klag­ten, ins­be­son­de­re nicht straf­schär­fend berück­sich­tigt wer­den2.

Das Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­ver­bot til­gungs­rei­fer Bestra­fun­gen und der zugrun­de­lie­gen­den Taten gilt aber grund­sätz­lich auch für die Anord­nung von Maß­re­geln der Bes­se­rung und Siche­rung, sofern nicht eine der in § 52 BZRG auf­ge­führ­ten Aus­nah­men gege­ben ist3, und damit auch für das hier maß­geb­li­che Berufs­ver­bot gemäß § 70 StGB.

Nach der eng aus­zu­le­gen­den Aus­nah­me­vor­schrift des § 52 Abs. 1 Nr. 2 BZRG ist die Ver­wer­tung getilg­ter Vor­stra­fen zu Las­ten des Ange­klag­ten bei Begut­ach­tun­gen über den Geis­tes­zu­stand des Betrof­fe­nen gestat­tet. Da ein Gut­ach­ten zum Bestehen eines Han­ges im Sin­ne von § 66 StGB und einer dar­auf beru­hen­den Gefähr­lich­keit eines Ange­klag­ten kein Gut­ach­ten über den Geis­tes­zu­stand im Sin­ne des § 52 Abs. 1 Nr. 2 BZRG ist4, kann für ein Berufs­ver­bot gemäß § 70 StGB nichts ande­res gel­ten. Auch hier steht eine wer­ten­de Fest­stel­lung der per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten des Ange­klag­ten im Mit­tel­punkt.

§ 52 Abs. 1 Nr. 4 BZRG greift als eben­falls eng aus­zu­le­gen­de Aus­nah­me­vor­schrift nur dann ein, wenn der Betrof­fe­ne den Zugang zu einer bestimm­ten Betä­ti­gung oder die Auf­he­bung einer die Aus­übung eines Berufs oder Gewer­bes unter­sa­gen­den Ent­schei­dung bean­tragt; die Rege­lung gilt damit aber gera­de nicht für Maß­nah­men, wel­che die betref­fen­den Betä­ti­gun­gen been­den5 und damit auch nicht – wie hier – im Fall einer Anord­nung eines Berufs­ver­bots nach § 70 StGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Janu­ar 2017 – 1 StR 570/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 29.10.2015 – 3 StR 382/​15, NStZ 2016, 468; Urteil vom 08.12 2011 – 4 StR 428/​11, NStZ-RR 2012, 143, 144 mwN
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 29.10.2015 – 3 StR 382/​15, NStZ 2016, 468 mwN
  3. BGH, Beschlüs­se vom 29.10.2015 – 3 StR 382/​15, NStZ 2016, 468; vom 28.08.2012 – 3 StR 309/​12, BGHSt 57, 300, 302 ff.; und vom 21.08.2012 – 4 StR 247/​12NStZ-RR 2013, 84
  4. BGH, Beschlüs­se vom 22.12 2015 – 2 StR 207/​15, NStZ-RR 2016, 120; und vom 28.08.2012 – 3 StR 309/​12, BGHSt 57, 300, 302 ff.
  5. BVerwG, Beschluss vom 30.10.2014 – 2 B 109/​13